Solarstandort Deutschland

Die Tage werden länger, die Frühlingssonne scheint. Das erfreut die Gemüter gleich doppelt – mental wie finanziell, wenn Solaranlagen im Spiel sind. Ob auf dem Balkon, auf dem Dach des Eigenheims, auf dem Industriedach, auf landwirtschaftlichen Flächen oder sogar schwimmend auf Seen: Photovoltaik boomt in Deutschland. Im Jahr 2023 ist Solarstrom mit einem Anteil von 23 Prozent zum festen Bestandteil des Erneuerbaren Energiemix geworden. Photovoltaik hat damit zwölf Prozent der Bruttostromerzeugung in Deutschland ausgemacht. Die Stromerzeugung durch PV-Anlagen in Deutschland belief sich im vergangenen Jahr auf etwa 61 Terawattstunden. Zur Verdeutlichung: Das entspricht knapp 44 Prozent des Strombedarfs aller deutschen Privathaushalte von 2021. 

2023 war der Energieverbrauch in Deutschland auf einem Rekordtief, knapp acht Prozent weniger als im Vorjahr. Während Verbräuche kontinuierlich sinken, steigt die Erzeugung sauberer Energie: Laut Bundesnetzagentur liegt der PV-Zubau im Februar 2024 weit über der Schwelle von einem Gigawatt pro Monat. 

Sonnige Zeiten für die Solarindustrie in Deutschland? Jein.  

Hemmschuh Solarpolitik: Vom Solarpaket I bis Net Zero Industry Act 

Seit August 2023 verhandelte die Bundesregierung über das „Solarpaket 1“, man versprach „Deutschlandgeschwindigkeit“. Doch erst im April 2024 wurde das Gesetzespaket im Bundestag verabschiedet.  Es soll den Bau und Betrieb von PV-Anlagen entbürokratisieren, also etwa Genehmigungsverfahren für Balkonkraftwerken stark verschlanken, und den Zubau weiter beschleunigen. 

Für das Gelingen der Energiewende stellt das Solarpaket 1 einen wichtigen Baustein dar, denn Deutschland will den Stromsektor bis 2035 weitgehend ohne Treibhausgasemissionen bewirtschaften. Ein Zwischenziel ist es, bis 2030 mindestens 80 Prozent des Bruttostromverbrauchs aus Erneuerbaren Energien zu decken. Dafür sind bis 2030 215 Gigawatt Solarleistung geplant. Zum Vergleich: Ein mittleres Atomkraftwerk in Deutschland lieferte rund 1,2 Gigawatt. 

Der im Erneuerbare-Energien-Gesetz festgelegte Zubau der Solarleistung soll etwa zur Hälfte aus Freiflächen und zur anderen Hälfte aus Dachanlagen kommen. Klingt gut, ist es auch. Aber: Die deutsche und europäische Solarwirtschaft ist vom Import abhängig. Die hier produzierten Module und Komponenten können den Bedarf dieser Ausbauziele nicht abdecken. Wieder geschmeidiger globaler Lieferketten sei Dank sind die Lager überfüllt mit preisgünstigen Konkurrenzprodukten aus China. Heimische Produkte können da kaum mithalten, in der Qualität gibt es keine nennenswerten Unterschiede zur Ware aus Fernost. Produzierende Solarunternehmen wie Meyer Burger und Solarwatt schließen daher ihre Standorte in Deutschland und fordern eine Änderung der politischen Rahmenbedingungen. Es droht der erneute Untergang des Solarstandorts Deutschland, wie schon einmal vor gut einem Jahrzehnt. 

Drama, Baby: der Resilienzbonus 

So kam es auf der Zielgeraden zum Solarpakt 1 zur Forderung nach einem ebenso heiß wie von Branchenvertretern polarisiert diskutierten „Resilienzbonus“. Dieser Förderbonus sollte den hier ansässigen Produzenten zugute kommen, indem er Kund:innen belohnt, die sich für Solarmodule aus europäischer Herstellung entscheiden. In Form eines Aufschlags zur Einspeisevergütung sollte er den Preisvorteil der chinesischen Ware ausgleichen. Das Ziel: die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Solarindustrie stärken. Doch selbst hier reagierte die Branche gespalten und manche Player stellten sich teils laut gegen diese Maßnahme. Einige fürchten mit der Einführung des Resilienzbonus höheren Druck auf das Kleinanlagensegment und warnen vor einer unwillkommenen Monopolbildung. Den Gegnern des Resilienzbonus scheint ein Ausschreibungsmodell sinnvoller, das die Vergabe an die Verwendung deutscher und europäischer Komponenten knüpfen könnte. 

Net-Zero Industry Act als Solarretter? 

Für solche Resilienzausschreibungen hat Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck sogar schon erste Vorbereitungen getroffen. Den „Net-Zero Industry Act“ hat die Europäische Kommission bereits im März 2023 vorgestellt. Er soll die europäische Industrie für saubere Energietechnologien stärken, indem er bürokratische Aufwände verringert, Genehmigungsverfahren und den Zugang zu Finanzmitteln verbessert. Ein Ziel: Bis 2030 sollen Unternehmen in der EU 40 Prozent der für die Klimaziele benötigten grünen Schlüsseltechnologien selbst herstellen. Das verringert Abhängigkeiten von anderen Ländern, so der Plan. Die EU-Kommission plant zudem, die heimische Produktion durch „Net Zero Resilience Projects“ zu fördern, die eine EU-Lieferkette aufbauen und die Wettbewerbsfähigkeit stärken. 

Der geplante und wichtige Solar-Zubau stößt jedoch auf gravierende Engpässe in den Stromnetzen. Die großen Mengen Sonnenstrom lassen sich noch nicht erfolgreich im Energiesystem integrieren. Denn: Grundsätzlich ist die PV netzgekoppelt. Auch wenn große Teile der PV-Erzeugung direkt vor Ort verbraucht werden können, ist klar, dass es dennoch funktionsfähige Verteilnetze erfordert. Momentan treffen die steigenden Anfragen für Netzanschlüsse auf immer engere Kapazitäten der Netzbetreiber und deren häufig noch ineffiziente, wenig digitale und uneinheitliche Prozesse. Betreiber neuer Anlagen erfahren Abregelungen, genauso wie Betreiber alter Anlagen im Rahmen des Redispatch. Für Endverbraucher:innen steigen damit die Strompreise doppelt: durch die erhöhten Netzentgelte aufgrund von Eingriffen zur Stabilisierung der Stromnetze und durch den fehlenden günstigen PV-Strom. 

Eines lässt sich also zum Status des Solarstandorts Deutschland sicher sagen: Es ist kompliziert. 

Innovationsstandort Deutschland 

Trotz aller Widrigkeiten: Energie-Ökonom Andreas Löschel stellt die Solarenergie als eine der Schlüsseltechnologien der nächsten Jahrzehnte heraus. Deutschland sei führend im Know-How der PV-Technologie, auch was den Maschinen- und Anlagenbau angeht. Er stellt die Frage: „Kann man diesen Vorsprung sichern, ohne dass wir vor Ort in großem Maß auch selbst PV-Module herstellen?“ 

Es wäre absolut wünschenswert, wenn die Innovationskraft hierzulande noch mehr Fahrt aufnimmt, sodass sich Deutschland wieder als Innovationsstandort etablieren kann. Möglichkeiten und Ansätze gibt es viele – von der Materialentwicklung über neue Konstruktionsmöglichkeiten bis zur Prozessoptimierung und -digitalisierung. 

Aus ökonomischer Sicht braucht es keine größere Abdeckung der Nachfrage aus regionaler Erzeugung, um die Ausbauziele mit Blick auf die Kosten zu erreichen. Wichtig ist allerdings ein Mittelweg, um nicht ganz auf eine europäische Produktion zu verzichten. Auf lange Sicht ist die Sicherung des Know-Hows und der Innovationskraft aber der Weg zur Wettbewerbsfähigkeit. 

Bild: Unsplash

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