28, weiblich, sucht Altersvorsorge

Dass sich meine Generation keine allzu großen Hoffnungen machen kann, von der gesetzlichen Rente einmal in Saus und Braus leben zu können, war mir eigentlich schon lange klar. Mindestens genauso lange dachte ich auch, mich um das Problem Altersvorsorge zu kümmern, hätte ja noch Zeit. So geht es wohl vielen. Gut zwei Drittel der 17-27-Jährigen bekommen genau wie ich Angstschweißausbrüche, wenn es um ihre Rente geht.

Mit solchen Zahlen und Themen setze ich mich nun seit einem halben Jahr intensiv auseinander – seit ich angefangen habe zu arbeiten. Für unsere verschiedenen Fintech-Kunden begegnen mir quasi täglich Artikel über Finanzen, Rente, Sparen und Geldanlage. Sie alle schreien mich regelrecht an, am besten vorgestern damit anzufangen, für mein Alter vorzusorgen.

Im Grunde wusste ich es schon lange, aber jetzt ist es so präsent wie nie. Nein, es hat keine Zeit mich um meine Altersvorsorge zu kümmern! Besonders als Frau: Durchschnittlich 46 Prozent weniger Rente als Männer bekommen Frauen in Deutschland aktuell. Die Gründe dafür sind nochmal ein anderes Thema. Trotz allem habe ich immer noch keine Lebensversicherung abgeschlossen, angefangen zu riestern oder mit einem Sparplan in ETFs zu investieren. Wo liegt also das Problem?

Ob die Glaskugel mir verrät, wie ich am besten für mein Alter vorsorge? Wohl eher nicht... - Foto: Garidy Sanders on Unsplash

Altersvorsorge einfach gemacht: Weniger leben, mehr sparen 

Dazu möchte ich einen Blick darauf werfen, was genau mir diese ganzen Artikel und Ratgeber von Finanzexpert*innen zum Thema Altersvorsorge denn tagtäglich so raten. Nämlich oftmals nicht mehr als „Egal wie, Hauptsache du fängst frühzeitig an“. Unter den allgemein gehaltenen Tipps ist das dabei aber immer noch der brauchbarste. Denn einige als Ratgeber getarnte Artikel verbringen mehr Zeit damit, mir zu erklären, wie wenig ich mich für meine Finanzen interessiere, wie verschwenderisch ich lebe und welch niedrige Sparbereitschaft ich habe. Ach so, ja gut, mein Fehler!

Wirklich? Zumindest der erste Teil ist ja schon in dem Moment falsch, in dem ich solche Artikel lese. Aber auch insgesamt spiegelt das kaum die tatsächliche Denkweise der meisten jungen Menschen wider. 86 Prozent von uns ist durchaus bewusst, dass uns Altersarmut droht, wenn wir nicht zusätzlich vorsorgen. Den Vorwurf, wir würden uns nicht für unsere Finanzen interessieren, kann man also nicht gelten lassen.

"Wer spart, kann es sich leisten", heisst es oft. dennoch wird in den medien immer wieder von "mangelnder Sparbereitschaft" gesprochen.

Der zweite Vorwurf ist, dass wir jungen Menschen – wenn wir denn nur wollten und je nachdem welche*n Expert*in man fragt – locker flockig 50 bis 500 Euro im Monat für unsere Altersvorsorge abzwacken könnten. Und zwar indem wir einfach unseren überbordenden Konsum runterschrauben. In der Realität würde das für viele bedeuten, ihre Lebenshaltungskosten runterschrauben zu müssen.

70 Prozent der nicht sparenden, jungen Bevölkerung wenden ihr gesamtes Einkommen für die Dinge des täglichen Bedarfs auf. Wie es in der Studie so schön heißt: „Wer spart, kann es sich leisten“. Dennoch wird in den Medien immer wieder von „mangelnder Sparbereitschaft“ gesprochen. Damit machen es sich die Expert*innen meiner Meinung nach zu einfach.

SparbuchETFsmehr Geld verdienen - Instructions unclear 

Steigende Mietkosten, befristete Arbeitsverträge und niedrige Löhne sind keine allzu guten Voraussetzungen, um monatlich Geld beiseite zu packen. Zumal immer wieder auch dazu geraten wird, erst einmal schuldenfrei zu sein und sich ein Notpolster für schlechte Zeiten aufgebaut zu haben, bevor man langfristig Geld fürs Alter anlegt. Tja, dann dauert das bei mir wohl noch eine Weile, bis ich damit anfangen kann.

Wenn bei mir momentan Geld übrigbleibt, dann spare ich das zwar – aber eben noch nicht für meine Altersvorsorge. Sondern, um mein Bafög zurückzuzahlen. Danach dann also erstmal diesen Notgroschen zusammensparen. Und erst dann kommt langsam die Altersvorsorge. Ja, ich bin mir bewusst, dass es dann wohl ziemlich spät sein wird. Aber anders geht es nicht. Glaube ich zumindest.

Hundertprozentig sicher bin ich mir da nicht. In so manchem Artikel stehen ja doch ein paar tatsächlich konkrete Tipps, wie es vielleicht anders gehen könnte. Doch auch mit diesen Ratschlägen gibt es ein Problem. Es sind zu viele! Um genauer zu sein, zu viele verschiedene.

Da habe ich gerade noch gelesen, einen Aktiensparplan kann man schon ab 25€ im Monat abschließen und das wäre eine super Sache, um so früh wie möglich fürs Alter vorzusorgen. Schon kommt der*die nächste Expert*in um die Ecke und sagt mir, es sei Quatsch für eine so junge Person wie mich jetzt schon mit Aktien oder ETFs fürs Alter vorzusorgen. Lieber solle ich erstmal Karriere machen und klassisches Sparbuch-Sparen betreiben. Dann wieder lese ich, mein Geld einfach nur auf einem Sparbuch zu parken würde sich durch die niedrigen Zinsen nicht nur nicht mehr lohnen, sondern mir durch die Inflation effektiv sogar Verlust bescheren. Was denn nun?

Die Informationsflut ist in diesem Fall mehr Fluch als Segen und führt dazu, dass ich weder mit der zusätzlichen Altersvorsorge angefangen noch mir einen Masterplan zurechtgelegt habe. Ich möchte diese Ratschläge gar nicht verteufeln, immerhin sind sie wenigstens gut gemeint und bringen mich einem Masterplan näher als Aussagen wie „Also tatsächlich muss man denen [,die gerade kein Geld haben für private Vorsorge,] raten, erstmal darauf zu achten, dass sie möglichst mehr verdienen“. Nur der Weisheit letzter Schluss scheinen sie mir eben auch nicht zu sein.

Ja, wir sorgen uns um unsere Zukunft 

Zusammenfassend heißt das alles also: Es gibt sie, die jungen Menschen, die sich mit ihren Finanzen und ihrer Altersvorsorge auseinandersetzen. Unsere Zukunft bereitet uns Kopfzerbrechen und wir suchen nach Antworten. Es gibt auch Antworten – aber nicht die eine. Schon gar nicht die eine für alle.

Um herauszufinden, welche Alternative für mich machbar und sinnvoll ist, hilft es aber weder mir noch sonst irgendwem, wenn meiner Generation veränderte Arbeitsmarktbedingungen, hohe Lebenshaltungskosten, (noch) fehlendes Wissen und Überforderung als mangelndes Interesse, geringe Sparbereitschaft oder verschwenderischer Lebensstil ausgelegt werden. Wenn euch Ratgeber*innen und Expert*innen wirklich daran gelegen ist, uns bei der Mammutaufgabe Altersvorsorge zu unterstützen, füttert uns stattdessen gerne weiterhin mit Informationen, wie wir sie eventuell bewältigen können.

Auch wenn wir nicht gleich durchblicken und auch wenn wir nicht sofort eine Lebensversicherung abschließen, legt uns das nicht als Desinteresse aus. Wir sind für hilfreiche, konkrete und praktikable Tipps sehr dankbar. Wir arbeiten dran, wenn auch zunächst nur gedanklich.

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