Spanien, 8. März 2018. Straßenbahnen stehen still, Kindergärten haben geschlossen, Krankenhäuser laufen im Stromsparmodus: Die Frauen haben die Arbeit niedergelegt und sind auf die Straße gegangen. Wir alle müssen mehr Gleichberechtigung fordern, immer und zu jeder Zeit. Weil Zaghaftigkeit in dieser Frage nicht ausreicht. Zeigen wir der Welt, dass sie ohne uns nicht funktionieren würde und warum von einer gleichberechtigten Gesellschaft alle profitieren. Ich für meinen Teil werde am Weltfrauentag nicht zur Arbeit gehen, here is why:

Warum wir den Weltfrauentag brauchen

Frauen stellen 51 Prozent der Weltbevölkerung. Trotzdem gibt es kaum ein Land, in dem Männer und Frauen tatsächlich gleichberechtigt sind. Kaum ein Land, in dem es keinen Gender Pay Gap gibt oder die politische und parlamentarische Repräsentation der Bevölkerung entspricht. Seit 1949 gab es in der Bundesrepublik 692 beamtete Staatssekretäre. Gerade einmal drei Prozent davon waren oder sind Frauen. Es gab bisher mehr Männer mit dem Namen Hans in dieser Position als es Frauen insgesamt gab.

Photo of protester holding sign: Girls just wanna have fundamental rights

Gleichstellung von Mann und Frau – auch 2019 sind wir noch lange nicht am Ziel / Bild: lucia on Unsplash

Zahlen wie diese zeigen die Ungleichheit sehr eindrucksvoll. Frauen sind zu selten an elementaren gesellschaftlichen Entscheidungen beteiligt. Ein Ungleichgewicht, dass sich auch in der Gesetzgebung niederschlägt. Sehr deutlich wird dies unter anderem in der aktuellen Debatte um Paragraph 219a StGB. Hier ist geregelt, wer in welcher Form über Schwangerschaftsabbrüche informieren darf. De facto verbietet der Paragraph jedoch weiterhin die freie Information über Schwangerschaftsabbrüche. Frauen werden durch dieses Gesetz regelrecht zu unmündigen Menschen degradiert, denen die freie Entscheidung verwehrt wird. Ein anderes Beispiel für eine völlig überholte Gesetzgebung ist das Ehegatten-Splitting, das aus den 50er Jahren stammt und Frauen weiterhin in unbezahlte Care-Arbeit drängt. Trotz zahlreicher Untersuchungen, die die negativen Auswirkung des Splittings auf die Gleichberechtigung belegen, verweigert die Regierung eine Reform. Steuergesetzgebungen wie diese haben zur Folge, dass Frauen weitaus häufiger von Altersarmut betroffen sind als Männer. Aufgrund von erziehungsbedingten Berufspausen sammeln sie weniger Rentenansprüche. Das reißt ein Loch in die Rente, da Erziehungs- und Pflegearbeit (die immer noch überwiegend von Frauen geleistet wird) in unserem Rentensystem nicht als vollwertige Arbeit angerechnet wird.

Wahre Gleichberechtigung ist noch immer Zukunftsmusik

Laut dem Weltwirtschaftsforum brauchen wir noch 217 Jahre, um die ökonomische Gleichstellung von Frau und Mann zu erreichen. Wenn wir in dem aktuellen „Tempo“ weitermachen. Wir wissen längst, dass Frauen innerhalb von Gesellschaften eine fortschrittsweisende Rolle einnehmen, wenn sie die Freiheit dazu haben. Sie zu unterstützen, fördert die soziale und ökonomische Entwicklung von Staaten, auch und insbesondere durch eine Reduktion des gesamtgesellschaftlichen Armutsrisikos. Sich für Gleichberechtigung einzusetzen und gemeinsam dafür zu sorgen, dass es unserer Gesellschaft insgesamt gut geht, sollte also eine Selbstverständlichkeit sein, wenn man an Wohlstand interessiert ist.

Dennoch ist es so eine Sache, sich für Frauenrechte und Gleichberechtigung einzusetzen. Verletzte Egos, Angst vor Veränderung, ökonomisches Unwissen oder schlichte Verachtung halten diesen Prozess auf und machen ihn zu einem Kampf – obwohl es einzig und allein um die gleichberechtigte Teilhabe an der Gesellschaft geht. Um das zu wollen, braucht man nicht einmal besonders feministisch eingestellt sein. Es reicht ein Grundverständnis von Menschlichkeit und Empathie, um zu begreifen, dass wir von einer echten Gleichberechtigung noch weit entfernt sind und es wichtig ist, sich dafür einzusetzen. Nicht nur am Weltfrauentag.

Mitgemeint – Sprache konstruiert Wirklichkeit

Für uns Kommunikatorinnen ist die Sprache unser wichtigstes Werkzeug. Sprache bildet die Wirklichkeit nicht nur ab, sie konstruiert auch eine eigene Wirklichkeit. In Deutschland wird weiterhin auf das generische Maskulinum geschworen und denjenigen, die eine inklusive Sprache fordern, versichert, dass Frauen und andere mitgemeint seien. Eine Vielzahl an Studien und Versuchen legt jedoch nahe, dass das generische Maskulinum eben nicht generisch, also umfassend, interpretiert wird. Es wird vielmehr hauptsächlich auf Männer bezogen. Aus psycholinguistischer Sicht existiert im Deutschen also kein generisches Maskulinum, sondern lediglich ein Maskulinum, das generisch verwendet wird.

Entsprechend sind Frauen auch nicht mitgemeint, wenn von Ärzten, Polizisten oder Richtern gesprochen wird. Im Gegenteil: Die Verwendung des Maskulinums marginalisiert die Existenz des weiblichen Geschlechts und reproduziert veraltete Rollenbilder. Wenn es aber um Berufe geht, die sehr weiblich dominiert sind, wird dies auch in der Berufsbezeichnung abgebildet, zum Beispiel bei Hebammen oder Krankenschwestern. Für das männliche Pendant wurde dann wie selbstverständlich eine eigene Bezeichnung geschaffen, Geburtshelfer und Krankenpfleger – was die Vermutung nahelegt, dass sich die Männer bei der ursprünglichen Bezeichnung nicht mitgemeint fühlten.

Sprache ist Verantwortung

Als Kommunikationsagentur ist es unsere Pflicht, Sprache verantwortungsbewusst einzusetzen. Deshalb wagen wir bei Oseon in der Woche des Weltfrauentags ein Experiment: Wir ersetzen das generische Maskulinum durch ein generisches Femininum, machen die Ausnahme zur Regel und drehen den Spieß um. Unsere gesamte Kommunikation wird in der weiblichen Form stattfinden – alle Texte für unsere Kundinnen, alle Posts, jede E-Mail. Wir möchten damit auf die Reziprozität und die Wirkmächtigkeit der Worte hinweisen und für ein Thema sensibilisieren, dass wir als essentiell für die Gleichberechtigung empfinden: Die Sichtbarkeit von Frauen in Sprache und Schrift.

Gemeinsam für eine bessere Welt

Eine inklusive Sprache zu pflegen und sich seiner Wortwahl bewusst zu sein, ist nur ein Teil des Kampfes um die geschlechtliche Gleichberechtigung weltweit. Denn nicht jede trägt ihren Protest in die Öffentlichkeit, nicht jede schreit laut nach Gleichberechtigung. Aber überall auf der Welt fangen Frauen an, sich zusammenzuschließen und gemeinsam für ihre Rechte zu kämpfen, an allen Fronten und mit allen Mitteln. Dabei werden sie von der Hoffnung auf eine Welt angetrieben, in der unsere Kompetenzen zählen, nicht unser Geschlecht, unsere Herkunft oder unsere Hautfarbe. Für eine Welt, in der es eine Selbstverständlichkeit ist, dass Kinder zu gleichen Teilen von beiden Eltern großgezogen werden. Eine Welt, in der ein Gesellschaftsbild herrscht, dass die gesamte Bevölkerung in die Pflicht nimmt, sich mit Respekt zu begegnen und aufeinander Acht zu geben. Um dort hinzugelangen, muss noch viel passieren, aber jede und jeder kann einen individuellen Teil dazu beitragen.

So wie die spanischen Frauen, die mit ihrer Wut, ihrer Freude und ihrer Angriffslust eine neue Form des Zusammenhaltes bewiesen haben, eine nie dagewesene, vorbildliche Solidarität. Sie haben sich zusammengeschlossen für ein gemeinsames Ziel, weil sie erkannt haben, dass man nur gemeinsam stark sein kann. Denn Kämpfe wie diesen gewinnt man nicht alleine, es braucht viele die sich auf ihre Art für Gleichberechtigung einsetzen.

Ohne Gleichberechtigung keine Freiheit

Erst wenn ich die Augen für die Schwester in der Frau mir gegenüber öffne, kann ich sehen, dass wir gleich sind. Und dass wir ungleich sind. Ich bin bis zu einem gewissen Grad frei, frei in meiner Berufswahl, in der Wahl meiner Partnerschaft und darin, meine Stimme zu erheben. Ich bin freier als andere und das verpflichtet mich den Status quo infrage zu stellen. Denn meine Freiheit endet nicht da, wo sie die von anderen einschränkt. Sie fängt überhaupt erst dann an, wenn auch die Freiheit meiner Mitmenschen gewährleistet ist.

Solange wir nicht gleichberechtigt sind, sind wir auch nicht frei. Denn Gleichberechtigung ist erst dann erreicht, wenn Männer und Frauen nicht nur die gleichen Rechte haben, sondern auch die gleichen Pflichten. Die gleiche Pflicht die Familie zu ernähren und die gleiche Pflicht den Haushalt zu machen. Ich bin nicht der Typ, der demonstrieren geht. In mir steckt keine schilderbastelnde Aktivistin, die nur auf die nächste Gelegenheit des öffentlichen Protests wartet. Mit einer Ausnahme: Am internationalen Weltfrauentag gehe ich nicht arbeiten, sondern auf die Straße.