Erst öden sie mich an, dann regen sie mich auf: Die Marktschreier der Digitalisierung. Die Apologeten der schönen neuen Welt voll angeblich disruptiver Innovation, die uns alle retten werden. Wovor eigentlich, sagt keiner so recht. „Make the world a better place“, ist das Mantra der Technopositivisten vom Silicon Valley bis Berlin Mitte. Man muss nur jedes vermeintliche Problem des Wirtschaftslebens, der Medizin oder auch nur des schnöden Shoppings „neu denken“ und „revolutionieren“, schon gesundet die Welt von allem Übel. Mit Verlaub, einen Scheiß tut sie! Vernetzung, digitale zumal, macht die Welt erst einmal komplexer, unübersichtlicher, auch beängstigender. Das würden die Erweckungsprediger der Digitalisierung aber nie sagen. Adapt or die! Dazwischen gibt es für sie nichts.

Klar, Technologie kann stupide Aufgaben automatisieren. Sie hat das Potenzial, das Leben komfortabler zu gestalten und die Wertschöpfung von Volkswirtschaften zu erhöhen. Technologie kann zu besserer Bildung beitragen und vielleicht sogar irgendwann den Krebs besiegen, und Alzheimer. Sie kann. Brave New World - cc by Newtown Graffiti on Flickr: https://flic.kr/p/g1Mx3z Brave New World (cc by Newtown Graffiti via Flickr)

Kritikloser Technopositivismus ist vor allem Bullshitting auf Kosten der Ahnungslosen

Damit sie dazu die Chance hat, reicht es aber nicht, die Proof of Concepts, PR-Stunt-Videos, Vaporwares und 3D-Simulationen von Microsoft, Amazon, Google, Samsung und Konsorten in halbhübsche Case-Präsentationen zusammenzukloppen. Es reicht nicht, „Think about all the possibilities! Think about data! Think about software development! Think about digital processes! Hack your business model!“ zu rufen. So geschehen letzte Woche beim ersten Merck Innovator’s Club. Wofür Merck wenig kann, die selbsternannte Trendforscherin aber viel.

Technologie braucht keine Hurra-Rhetorik, sondern Akzeptanz

Damit Technologie Wirtschaft, Gesellschaft und die Politik sinnvoll voranbringen kann, braucht sie keine Hurra-Rhetorik. Sie braucht Akzeptanz. Die wird es aber nicht geben ohne breites Wissen um die Sinnhaftigkeit von Innovationen und Verstehen der möglichen Konsequenzen. Ohne Zeit zum Nachdenken über die Implikationen einer Technologie für Arbeit, Familie, Psyche, Gesundheit, und ja – auch so abstrakten Konzepten wie Freiheit – verheddern wir uns im Netz, das uns die Technopositivisten aufgespannt haben. Aber nicht aus Philanthropie – die ist eine (gut funktionierende) PR-Mär des Valley-Kapitalismus. Sondern aus purem Eigennutz. Denn ja, in einer global vernetzten Wirtschaft sind Daten sind Öl, Gold, Diamanten und seltene Erden in einem. Wer viel davon hat, wird reich. Früher oder später.

Nur Innovation, die den Menschen dient, bringt Fortschritt

Nun bin ich berufsbedingt der Letzte, der einem digitalen Kulturpessimismus das Wort reden will. Schließlich verdienen wir bei Oseon unsere Brötchen unter anderem mit Technologieunternehmen. Da werde ich einen Teufel tun und zum digitalen Bildersturm aufrufen. Was mir aber als Kommunikator geboten scheint, ist eine Besinnung auf das Wesentliche anzumahnen. Denn Technik ist kein Selbstzweck. Sie muss vielmehr den Menschen dienen, in ihren vielfältigen, globalisierten, sozio-ökonomischen Kontexten. Sie muss sich ihre Relevanz und ihre Akzeptanz erarbeiten – auch und vor allem durch Kommunikation.

Disruption ohne Fortschritt ist nutzlos

Denn nur dann bringt sie eben nicht nur „Disruption“ um ihrer selbst willen, sondern tatsächlich im besten Sinne so etwas wie Fortschritt. Ein Wort, das irgendwie angestaubt klingt, aber vielleicht doch am besten das ausdrückt, was wir uns wünschen dürfen – es geht irgendwie besser weiter. Und der Untergang der Menschheit wird vertagt. Die Maschinen werden es uns nachsehen. Müssen. (Bild: Brave New World – cc by Newtown Graffiti on Flickr)