Israelis bezeichnen ihr Land gern als „Startup Nation“ und in den vergangenen Jahren ist die Technologie-Szene vor allem in Tel Aviv auch international sichtbarer geworden. Spektakuläre Akquisitionen israelischer Tech-Firmen durch US-Konzerne machten Schlagzeilen. Tapio reiste vergangene Woche zum DLD Tel Aviv, um sich selbst ein Bild vom Technologie-Standort Israel zu machen, und zu hören, welche Zukunftsthemen die dortige Tech-Szene vorantreibt. Ein Bericht aus einem unterschätzten Innovationsland.

Tel Aviv Skyline am Nachmittag

Tel Aviv Skyline am Nachmittag / Foto: Tapio Liller

Israel – Kleines Land, große Investitionen in Tech-Startups

Israel ist flächenmäßig nicht größer als Hessen. Das vergisst man leicht, wenn man nur die Berichte aus den Tagesthemen kennt, die den Dauerkonflikt zwischen Israelis und Palästinensern zu erklären versuchen. Tel Aviv, die Wirtschaftsmetropole am Mittelmeer, hat rund 440.000 Einwohner; im Großraum wohnt knappt die Hälfte der ca. 8,4 Millionen Einwohner Israels. Ein israelischer Unternehmer sagte auf einer Startup-Party zu mir: „In Israel kannst du am Mittelmeer frühstücken, zu Mittag in Jerusalem beten und am Nachmittag im Roten Meer baden. Und Abends bist du zur Party pünktlich zurück in Tel Aviv.“ Das beschreibt die Größenordnungen sehr gut.

Umso bemerkenswerter ist es, dass dieses kleine Land im Nahen Osten seit Jahren eine Menge Innovationen und neuer Technologieunternehmen hervorbringt, von denen einige auch international Furore machen. Um die 4000 Startups gibt es hier und in kein Land der Welt fließen laut den Analysten von Dealroom so hohe Risikokapitalinvestitionen pro Kopf der Bevölkerung (Israel 368$, USA 250$, Deutschland 38$).

Quelle: Dealroom (Klick aufs Bild für den ganzen Report)

Vom Geheimtipp zum Forschungslabor der Großkonzerne

Wo viel investiert wird, kommen irgendwann auch die Exits. Wie das örtliche Branchenportal NoCamels berichtet, geht das Geld vor allem in die Bereiche Software & IT, Internet, Kommunikationstechnik und Life Sciences.

Google machte 2013 wohl den ersten bekannteren Aufschlag und kaufte für über 1 Mrd. Dollar das Navigations- und Karten-Unternehmen Waze. Vergangenes Jahr übernahm der japanische Pharmakonzern Mitsubishi Tanabe Pharma den israelischen Arzneimittelhersteller Neuroderm für eine Milliarde Dollar und Intel ließ sich die Sensortechnik-Pioniere von MobilEye schlanke 15,3 Mrd. Dollar kosten.

Deren Technologie wird für autonomes Fahren gebraucht – eine Wette auf die Zukunft also. Auch wenn MobileEye eine besondere Dimension hat, es fließt seit Jahren schon viel Geld nach Israel, um Zukunftstechnologien zu entwickeln, groß zu machen und weltweit auf den Markt zu bringen. Allein in 2017 wurden 5,24 Mrd. Dollar in israelische Unternehmen investiert.

Gut für das Land: Die Großkonzerne ziehen das Know-how nicht aus dem Land ab, sondern investieren vor Ort weiter in Forschung und Entwicklung. Denn dank hervorragender Universitäten wie dem Technion (auch „MIT Israels“ genannt) und den Investitionen der israelischen Streitkräfte in IT-Expertise (Stichwort „Unit 8200„) ist immer für Top-Tech-Nachwuchs gesorgt.

Top-Tech-Trends vom DLD Tel Aviv

Die nackten Zahlen deuten auf eine anhaltende Erfolgsstory hin. Doch in welchen Bereichen können wir künftig Innovationen aus Israel erwarten? Auf dem DLD Tel Aviv, dem lokalen Spin-off der einflussreichen Innovationskonferenz von Hubert Burda Media, konnte man ein Gefühl dafür bekommen, was kommt. Trotz bisweilen recht üppig besetzter Panels mit bis zu acht Diskutanten, so manchem Allgemeinplatz („Cryptowährungen sind eine junge Kategorie“) und PR-Sprech-Statement der Großsponsoren („uns liegt das Startup Ecosystem in Israel am Herzen“), ließen sich viereinhalb Top-Trends ausmachen.

1. Künstliche Intelligenz: Alles wird (oder hat) AI

Software, die in großen Datenmengen Muster erkennt und diese Fähigkeit immer weiter verfeinert, je mehr Daten sie zu lesen bekommt, ist in vielen Anwendungsbereichen schon Standard. Machine Learning oder „Deep Learning“ heißt das dann und kaum ein Startup-Pitch kommt noch ohne aus. Auf meine Frage, ob man denn in Israel genug Programmierer fände, die solche Algorithmen programmieren können, meinte ein junger Startup-Unternehmer zu mir: “Das ist kein Hexenwerk für gute Entwickler. Außerdem, wenn der Algorithmus erstmal programmiert ist, läuft es von allein.“ Künstliche Intelligenz wird zur Commodity.

Die Teilnehmer verschiedener Panels waren sich weitgehend einig, dass KI dazu entwickelt wird, dem Menschen lästige oder Zeit raubende Aufgaben abzunehmen. Zudem, der Weg zur Singularität sei, wenn sie denn je erreicht werde, noch so weit, dass man sich da keine Sorgen zu machen brauche. Skynet und die Herrschaft der Maschinen sind eine Hollywood-Dystopie, so die einhellige Meinung der DLD-Panelisten.

Lernende Software wird uns also in den nächsten Jahren überall begegnen, ob wir wollen oder nicht. Und wenn sie gut gemacht ist, werden wir es nicht einmal merken.

2. HealthTech: Daten für eine bessere Gesundheitsversorgung

Auf der Suche nach noch weitgehend unerschlossenen Feldern für digitale und vor allem datenbasierte Geschäftsmodelle fällt seit ein, zwei Jahren vermehrt die Gesundheitsbranche ins Auge. So auch auf dem DLD Tel Aviv. Arzt und Unternehmer für Digitalgesundheit Jack Kreindler zeigte sich fast euphorisch angesichts des Potenzials, mit Datenanalysen und auch hier lernenden Algorithmen, genauere Diagnosen stellen zu können, Behandlungsmethoden und Pharmazeutika immer stärker zu individualisieren und natürlich auch die Kosten im Gesundheitswesen zu senken.

Knackpunkt für die Datennutzung im Gesundheitswesen ist natürlich die Vertrauenswürdigkeit der Infrastruktur. Nur wenn die Bürger ihre Gesundheitsdaten in Sicherheit und ausschließlich bei den richtigen Experten wissen, werden sie bereit sein, sie überhaupt zu teilen. Angesichts der Dauerbaustelle „Gesundheitskarte“ in Deutschland bin ich skeptisch, ob das in den nächsten zehn oder fünfzehn Jahren auch bei uns kommen wird. In jedem Fall steckt in HealthTech ein Milliardenpotenzial und Startups, die das erfolgreich anzapfen können, dürften eine sichere Investition für die Zukunft sein.

DLD Tel Aviv Konferenzpanel

DLD Panel Future of Mobility / Foto: Tapio Liller

3. Smart Cities: Daten für mobilere Städte

Die rasante Urbanisierung in fast allen Ländern weltweit führt früher oder später zum Verkehrskollaps, massiver Umweltverschmutzung und zu einem Verlust an Lebensqualität. Während in den Straßen von Tel Aviv die Menschen auf halsbrecherisch schnellen Elektrorollern und robusten eBikes unterwegs sind, wurde auf der Konferenz auch bei diesem Thema über Daten geredet. Worüber auch sonst?

Denn ohne Daten werden autonomes Fahren, Vehicle Sharing und die Steuerung von Verkehrsströmen in den Metropolen nicht möglich sein. Sensoren und Kameras, superpräzise digitale Karten, das Nutzungsverhalten der Menschen in ihren verschiedenen Verkehrsmitteln, an Datenquellen mangelt es nicht.

In Tel Aviv haben neben den Silicon Valley Giganten auch fast alle großen Autohersteller ihre Forschungslabore eingerichtet. Eyal Mayer von der Mercedes Nutzfahrzeuge-Division ist überzeugt, dass sich die Städte in den nächsten Jahren von der starren Bepreisung von Parkraum verabschieden werden. Denn das Hauptproblem Stau lässt sich seiner Ansicht nach nur noch mit „dynamic road pricing“ (Economist-Artikel, ggf. Registrierung erforderlich) vermeiden, also der auslastungs- und streckenabhängigen Bepreisung des Fahrens, nicht (nur) mit Preisen auf ohnehin überlasteten Parkraum. Die semi/autonomen Fahrzeuge liefern künftig die Daten für die dynamische Maut.

Moovit ist international tätiges israelisches Startup, das eine App für die individuelle Mobilität in der Stadt anbietet und fast alle verfügbaren Verkehrsmittel miteinander verknüpfbar macht. Yovav Meydad, Marketing-Chef von Moovit, äußerte sich auf einem Mobility-Panel des DLD Tel Aviv kritisch zum Trend, immer mehr Sharing-Anbieter vom Auto bis zum e-Roller oder Fahrrad in die Städte zu lassen.

„Die Städte wissen heute noch viel zu wenig darüber, wann sich wieviele Einwohner und Pendler mit welchen Verkehrsmitteln wohin bewegen. Sie haben keine Datenbasis über den Mobilitätsbedarf. Wenn man jetzt noch in ohnehin überlastete Städte noch mehr Fahrzeuge hineinlässt, beschwört man den Kollaps nur schneller herauf“, sagte Meydad.

Die Lösung sieht er in einer „supply-side“ Datenplattform, also einer ins Detail analysierbaren Datenebene für den Mobilitätsanbieter Stadt. „Wenn Städte den Bedarf besser verstehen, können sie auch das Angebot besser steuern“, sagte er, und meinte damit den öffentlichen Nahverkehr genauso wie eben Sharing-Produkte und den individuellen Autoverkehr.

4. HR-Tech: Daten für effizientere Mitarbeiter

„In fast allen Unternehmen ist das Personal der mit Abstand größte Kostenblock. Es ist höchste Zeit, dass er mithilfe von Daten effizienter gemanagt wird“, forderte Ronni Zehavi von HiBob, einem israelischen Anbieter einer „People Management Platform“, beim DLD Tel Aviv. Damit zeigte er auf, was in den nächsten Jahren wohl der größte Wachstumsmarkt für B2B-Software werden wird. Nicht nur in Israel versuchen Startups den Mitarbeiter, seine Fähigkeiten und seine Erfahrung, seine Leistung und sein Lernen zu vermessen, zu analysieren und zu optimieren.

Das beginnt beim Recruiting, wie es Athena Karp, CEO von HiredScore versteht. Ihr Unternehmen hilft vor allem Konzernen, die viele Tausend Bewerbungen pro Woche erhalten, dabei, die Bewerbungen automatisiert zu sichten und den Personalern nur die Kandidaten vorzuschlagen, die nach Ansicht der Algorithmen für die zu besetzende Stelle geeignet sind. Eine typische israelische Eigenheit: Sie nannte als Beispiel für die Analyseaufgabe, dass ja zivile und militärische Lebensläufe formell sehr unterschiedlich aussähen, man aber der Software beibringen könne (Machine Learning!), zu abstrahieren und die relevanten Skills aus beiden Profilen herauszufiltern.

Ob bei allen Analytik- und Optimierungsbestrebungen im Personalbereich nicht das Menschliche zu kurz zu kommen droht – die Frage stellte sich das HR-Panel leider nicht.

Und was ist mit dem Datenschutz? (4 1/2)

Angesichts dieser auf Daten, Daten und nochmals Daten beruhenden Geschäftsideen war es für mich erstaunlich, dass es bis in den Nachmittag des ersten Konferenztages dauerte, bis jemand (ein Deutscher, wer sonst?) die Abkürzung des Jahres in den Mund nahm: GDPR (so heißt die EU-Datenschutzgrundverordnung DSGVO auf Englisch).

Denn wenn eines bei den berufsoptimistischen Diskutanten beim DLD Tel Aviv zu kurz kam, dann die Tatsache, dass all die zu nutzenden Daten ja von Menschen erhoben werden müssen. Wie sie dafür die nötigen Einwilligungen halten beziehungsweise die Akzeptanz bei Nutzern, Bürgern oder Mitarbeitern erreichen wollen, verrieten sie nicht. Das hätte die Stimmung wohl zu sehr runtergezogen.

Israels Startkapital: Bildung, Kreativität und eine weltoffene Metropole am Meer

Nach zwei Tagen Konferenz und Gesprächen auf abendlichen Meetups und Parties bleibt der Eindruck hängen, dass sich die beherrschenden Themen international doch sehr gleichen. Was in Austin, Texas bei der SXSW diskutiert wird, findet sein Pendant genauso auf Tech-Konferenzen in Berlin, Helsinki und eben auch in Tel Aviv. Technologie ist neben dem globalen Handel eben die große Gleichmacherin, die Probleme unabhängig vom Ort ihrer Entstehung zu lösen sucht.

Und dennoch, der Technologie-Standort Israel hat mehr Aufmerksamkeit auch aus Deutschland verdient. Denn dort kommen auf kleinstem Raum viele Erfolgsfaktoren zusammen, die man sonst nur im Silicon Valley vermutet: viele junge, global orientierte Menschen, die an Hochschulen auf Weltniveau studieren, reichlich Venture Capital, mit Tel Aviv eine lebenswerte Stadt mit tollem Nachtleben und der wohl auch in der geringen Größe des Landes beründete Wille zu kreativen Lösungen für große Probleme. Von alledem darf sich Deutschland gern noch ein paar Scheiben abschneiden.