Die re:publica feierte dieses Jahr ein rundes Jubiläum. Die Netzkonferenz lud zum zehnten Mal netzpolitische Aktivisten, Technologiefans wie –kritiker, Makerinnen, Feministen, Politiker und natürlich jede Menge Medien, zu Talks und Diskussionsrunden rund um dieses Internet. Zeit für einen Blick auf den Entwicklungsstand eines prä-pubertären Geschöpfs. Was machen Menschen in diesem Alter und wie entwickelt sich ein Verstaltungsformat, das seinen Kinderschuhen längst entwachsen scheint?

Die Phase, in der alles neu war, ist um. Laufen, Sprechen, sogar Singen und Rennen klappen schon ganz gut. Das alte Kinderzimmer wurde zu klein, man hat ein größeres, cooleres gekriegt. Und eigentlich fühlt man sich schon ganz schön erwachsen, sucht öfters die Nähe zu den Großen. Aber ganz so weit ist es noch nicht. Die Wachstumsschmerzen stecken einem in den Knochen, die WLAN-Qualität in den Hallen hat schon bessere Jahre erlebt. Man weiß nicht so recht, wer man ist und wer man sein will. Lieber mit dem Mainstream mitgehen oder doch Teil einer rebellischen Subkultur bleiben? Was Vernünftiges lernen oder auf Ideale pochen? Unter sich bleiben oder offen sein für neue Freunde, neue Gedanken?

Prominente Speaker mit Ladehemmung

Das Programm der rpTEN zeigte deutlich diese Identitätssuche. Auf den großen Bühnen wurde mit Prominenz nicht gegeizt. Sascha Lobo, der mahnende Hausgeist der re:publica, gab sich genau so die Ehre (Youtube-Link) wie Star-Soziologe Richard Sennett und Thomas Fischer, Vorsitzender Richter am Bundesgerichtshof. Zuschauermagneten gewiss, und unterhaltsam auch größtenteils. Aber eine immer wieder gehörte Meinung unter den Besuchern: Neu ist das nicht wirklich. Eben Moglen mahnte mit dystopischen Visionen einer totalüberwachten Digitalzukunft den Widerstand der Netzgemeinde an. Sascha Lobos Vortrag streifte die richtigen Themen (Netzpolitik, Breitbandausbau, Überwachung, Hate Speech, und so weiter), und blieb doch seltsam blutleer. Als sei Keynote-Profi Lobo es inzwischen leid, „seinem“ Publikum mit den immergleichen Appellen ins Gewissen zu reden. Und die Open Cities, die Richard Sennett wortgewaltig heraufbeschwor, waren eher 2012 ein frisches Konzept.

Richard Sennett spricht auf der re:publica Bühne Richard Sennett spricht auf der re:public Bühne / Bild: Oseon

Hurra, eine Sponsoren-Session! Said no one ever.

Dann steckt in der re:publica mittlerweile dicke Kohle, die eine eigene Agenda hat. Besonders auf der Media Convention aber nicht nur dort, hielten Vertreter von Industrie und etablierten Medien wie das ZDF, Autodesk-CTO Jeff Kowalski oder Madhav Chinnappa, Chef von Googles Digital News Initiative, Hurra-Vorträge über ihre Branchen und ihre Produkte. Besonders prominent im Programm: Microsoft, die sich seit einiger Zeit das nicht mehr ganz taufrische Thema „Zukunft der Arbeit“ auf die Fahne schreiben. Ein bisschen fühlte man sich wie beim Privatfernsehen, wenn das Klo in der Werbepause besetzt ist. Man nahm es mit, weil der Sitzplatz in manchen Räumen eine dreiviertel Stunde halbaufmerksames Twitterwarten auf den nächsten Programmpunkt wert war. Klar, eine Konferenz dieser Größenordnung ist nur mit zahlungskräftigen Förderern zu stemmen. Doch ihr Anteil am Programm dürfte dieses Jahr das maximal Erträgliche erreicht haben.

KI goes Frankfurter Schule

Wer auf re:publica auf der Suche nach Technologietrends war, konnte festhalten, in den nächsten Jahre werden künstliche Intelligenz, Deep Learning und Generative Design in alle Lebensbereiche Einzug halten. Das kann man begrüßen, wenn es um die Entwicklung besserer Produkte und wünschenswerten sozialen Fortschritt geht. Oder fürchten, wenn Maschinen menschliche Arbeits- und Geisteskraft ersetzen. Autodesk-Mann Kowalski sah sich denn auch prompt mit eine Publikumsfrage konfrontiert, die seinem amerikanischen Technologieoptimismus die kritische Theorie der Frankfurter Schule entgegenhielt. Künstliche Intelligenz trifft Adorno – solche Reibungspunkte dürfte es in Zukunft mehr geben!

Eine Heimstatt der Nerd-Kulturen

Das Internet war von Anfang an ein Paradies für Individualisten, und Selbermachen ist immer noch ein wichtiger Teil des Ethos der Netzgemeinde. Nicht nur im Makerspace zwischen den großen Hallen der re:publica. Wer Zeit und Lust hatte, konnte sich live einen Schal aus einer Lochkarten-gespeisten Strickmaschine ausspucken lassen, Virtual-Reality-Installationen ausprobieren und sich beim ZDF-Stand mit „Neomagazin Royale“-Brummbär William Cohn ablichten lassen.

William Cohn mit Fans William Cohn mit Fans / Bild: Oseon

Aber auch inhaltlich ging es um die Schaffenskraft des Einzelnen. Am Mittwochmorgen beschwor Feuilleton-Liebling Laurie Penny vor einem teils verkaterten Publikum das emanzipatorische (und pornografische) Potenzial webbasierter Fan-Fiction und traf ganz gut das Level der allgemeinen Aufnahmefähigkeit. Ihre politische Botschaft: Erzählungen schaffen Wirklichkeiten, und es sei Zeit, endlich der popkulturell von Star Wars bis Matrix ausgelutschten „Heldenreise“ des stets weißen Mannes Alternativen entgegenzusetzen. Die Fan-Fiction-Szenen im Web sind diesbezüglich deutlich weiter als der popkulturelle Mainstream, so Penny.

Später sprach Twitter-Poet Eric Jarosinsky, bekannter als @NeinQuarterly und mittlerweile via ZEIT-Kolumne im Bildungsbürgertum angekommen, über die Werte der Netzgemeinde. Der Posterboy des intellektuellen, metareflexiven Social Web ist einer, der einfach selber gemacht hat, ein Selfmade-Man im Wettkampf um Aufmerksamkeit.

Post Love not Hate

Geschäftsmodelle wurden vorgestellt, Egos Befriedigung verschafft. Zeit für ein bisschen Gemeinschaft. Es lag nahe, dass die Flüchtlingskrise auf der rpTEN eine Rolle spielen würde. Dass sie das nicht auf der großen Bühne getan hat, mag am Timing liegen. Die mediale Erregungskurve hat ihren Höhepunkt schon hinter sich. Das hindert natürlich die Ängstlichen, Ressentiment-Beladenen, Besitzstandswahrer und Neurechten nicht daran, das Netz weiter als Resonanz- und Agitationsraum für ihren Hass zu nutzen. Entsprechend wichtig und ganz nah an den ideellen Wurzeln der re:publica waren Sessions, die sich mit Gegenstrategien für Hatespeech beschäftigten und Vorträge wie jene brilliante Rede der Autorin Carolin Emcke, die gleichermaßen analytisch scharf wie das Publikum agitierend Entstehungs- und Verbreitungsmuster von Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit und Mitläufertum sezierte. (Leider nicht als Video. Bei t3n aber gut nachzuvollziehen.)

Open Data, Design Thinking und Freiluftsessions bei Craft Beer

Eine globale Perspektive nahm hingegen Johnny West von OpenOil ein, der auf den eklatanten Mangel an Daten zu den weltweiten Beständen an fossilen Energieträgern hinwies. Wolle die Welt das in Paris verabschiedete Ziel, den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad in diesem Jahrhundert zu begrenzen, erreichen, so West, müssten Daten her, wo welche CO2-Quellen schlummern. Da Staaten wie Ölfirmen das lieber für sich behalten würden, plädierte er für Bürgeraktivismus. Sammelt Daten, macht sie zum Politikum, so seine Forderung.

SAP und streetfootballworld schließlich erhoben in ihrer Session zu Design Thinking das Selbermachen zum Modus Operandi. Mit Post-Its, Filzstiften und Flipcharts wurde die Vermittlung von IT-Wissen an Jugendliche in Entwicklungsländern für 75 Minuten gemeinsames Ziel der Anwesenden. Es gibt nichts Gutes, außer man tut es – leider war die Zeit dann doch ein bisschen knapp bemessen und man ging etwas überrumpelt und orientierungslos in die Mittagssonne hinaus.

Dort stand man dann, schlürfte seinen Soja-Latte oder nippte am Indian Pale Ale und erging sich in People Watching und Wiedersehensfreude. Und dennoch: Man blieb ziemlich unter sich. Ein Besucher spottete über die ethnische Homogenität in der Station, freilich mit einem deutlich weniger politisch korrekten Ausdruck. Schon im letzten Jahr wirkte das Motto „Finding Europe“ seltsam verfehlt angesichts der unterrepräsentierten Stimmen des anderen Europa, von nicht-westlichen Stimmen ganz zu schweigen.

Vielleicht würde der re:publica eine echte Diversifizierung der Sichtweisen gut tun. Ein Schritt dazu könnte die im Oktober 2016 erstmals angesetzte Auslands-re:publica in Dublin sein. Der spottende Besucher schlug schließlich vor: Warum nicht statt der ewig gleichen Fressbuden mal syrische Flüchtlinge einladen, für die Besucher zu kochen? Ein paar Käsebrezeln weniger hätten mir zumindest nicht geschadet.

 

PS: Die allermeisten Sessions der re:publica lassen sich bei YouTube nachsehen und –hören.
Fotos: Tapio Liller unter CC by sa

Unvermeidlich Unvermeidlich