Quereinstieg: Aus der Pflege in die PR

Ein Leitbild für den KI-Einsatz sichert die Qualität der Kommunikation.

Was haben PR und Pflege gemeinsam? Man weiß nie, was der Tag bringt. Und man braucht eine hohe Resilienz. Woher ich das weiß? Ich habe vor meinem Einstieg in die PR vier Jahre lang in der Altenpflege gearbeitet. In beiden Berufen geht es um Menschen und Kommunikation – wenn auch auf sehr unterschiedliche Weise. Dieser Erfahrungsbericht zeigt, wie der Wechsel in die Tech-PR gelingen kann und warum soziale Kompetenzen aus der Pflege auch in der Kommunikationsbranche wertvoll sind.

Die Statistik unterstreicht die Relevanz des Themas: Mit knapp 5,7 Millionen Pflegebedürftigen und einem Anstieg von 15 Prozent allein in den letzten zwei Jahren steht das Gesundheitssystem vor enormen Herausforderungen. Gleichzeitig suchen viele Pflegekräfte nach neuen beruflichen Perspektiven.

Ich habe als Pflegefachkraft eine enge Bindung zu den Menschen entwickelt – sowohl zu den Kolleg:innen als auch zu den pflegebedürftigen Menschen. Gleichzeitig war die Realität im Pflegealltag geprägt von chronischem Personalmangel, Doppelschichten, körperlicher Belastung und emotional fordernden Situationen. Die Corona-Pandemie verschärfte diese Herausforderungen zusätzlich. Auf den Stationen ging es täglich um Leben und Tod. Mein Körper hat zum Ende hin klare Signale geschickt: Zeit für eine Veränderung.

Jülie Dürüs

Und so hieß es schließlich, einen beruflichen Neustart anzugehen. Nach vier Jahren in der Altenpflege war ich bereit für eine neue berufliche Herausforderung. Mein Weg in die PR-Branche begann mit einer Position als Social-Media-Assistenz, die es mir ermöglichte, zwei lang gehegte Interessen wieder aufzugreifen: Kommunikation und Schreiben. Um meine Kenntnisse zu vertiefen, entschied ich mich parallel für ein berufsbegleitendes Studium im Bereich Medien und Kommunikation. Diese Kombination aus praktischer Erfahrung und theoretischem Wissen ebnete schließlich den Weg für meinen Einstieg in eine PR-Agentur, die Theorie und Praxis ideal miteinander verbindet. Hier konnte ich meine neu erworbenen Fähigkeiten mit meinen Erfahrungen aus der Pflege verknüpfen und in der Tech-PR einsetzen.

Was ich bei dem Übergang von der Pflege in die PR feststellen konnte: Einige Fähigkeiten, die in sozialen Berufen unerlässlich sind, sind auch für die Kommunikationsarbeit hochrelevant. Dazu zählen unter anderem Belastbarkeit, Empathie, Organisationstalent und situatives Kommunikationsvermögen. Kompetenzen, die insbesondere in beratungsintensiven Bereichen gefragt sind.

Pflege und PR: Zwei Welten, viele Parallelen

Die täglichen Aufgaben in Altenpflege und PR unterscheiden sich natürlich deutlich. Dennoch lassen sich zentrale Parallelen erkennen: Pflegekräfte entwickeln früh die Fähigkeit, in stressreichen Situationen strukturiert zu handeln. Sie müssen auf ihre Patient:innen individuell eingehen, präzise kommunizieren, genau zuhören und Entscheidungen treffen, ohne zu zögern. Alles Eigenschaften, die die Arbeit in der PR ebenfalls erfordert.

Empathie spielt sowohl im Pflegealltag als auch in der PR eine wesentliche Rolle, doch in unterschiedlichen Ausprägungen. Während es im Pflegeumfeld um emotionale Nähe geht, erfordern Kundengespräche im Tech-Kontext oft faktenbasierte Klarheit. Empathie ist in der PR eher ein Mittel zur adressatengerechten Kommunikation und hilft sowohl bei der Kundenberatung als auch dem Einfinden in das eigene Team.

Darüber hinaus hilft die Erfahrung mit emotional belastenden Situationen, im PR-Alltag Ruhe zu bewahren – etwa bei kurzfristigen Kundenanfragen, Pitches ohne Resonanz oder anspruchsvollen Abstimmungen. Der professionelle Umgang mit Stress wird zur Routine, die Sicherheit vermittelt. An unserer Arbeit hängt in der Regel nicht der Unterschied zwischen Leben und Tod. Das ist schon ein sehr beruhigender Gedanke – gerade, wenn es eben vorher genau darum ging. Gib einem Patienten abends die falschen Medikamente, wacht er im schlimmsten Fall nicht mehr auf. Schickst du dem falschen Redakteur einen Pitch, löscht er die Mail oder schreibt im schlimmsten Fall eine garstige E-Mail zurück.

Der Wechsel in eine neue Branche war für mich ein Schritt ins Ungewisse, aber es war ein Schritt, der sich gelohnt hat. Auch hier konnte ich meine Fähigkeiten sinnvoll einbringen, wenngleich auf eine ganz andere Art. Und ohne dabei auszubrennen.

Jülie Dürüs

Kommunikation als übergreifende Schlüsselkompetenz

Ob in der Pflege oder in der PR: Die Kommunikation steht immer im Mittelpunkt, doch Ausprägung und Anwendung unterscheidet sich zwischen den beiden Feldern.

In der Altenpflege ist Kommunikation oft eine Frage des Einfühlungsvermögens. Besonders im Umgang mit erkrankten Menschen ist es entscheidend, situativ zu reagieren, Körpersprache richtig zu deuten, Ruhe zu bewahren und im richtigen Moment die richtigen Worte zu finden. Die Kommunikation findet oft nonverbal und intuitiv statt, auf Augenhöhe, mit Menschen, die sich teilweise kaum noch sprachlich ausdrücken konnten und die teilweise in ihrer völlig eigenen Welt leben, die mit der tatsächlichen Gegenwart wenig zu tun hat. Das bedeutet zuhören, spüren, deeskalieren.

Ganz anders verlaufen Gespräche mit Angehörigen. Häufig drehen diese sich um Beschwerden, Unzufriedenheit und es gilt, viele Fragen zu beantworten. Gerade in der Corona-Zeit war das eine enorme Belastung. Es galt, Grenzen zu setzen und gleichzeitig verständnisvoll zu bleiben, selbst wenn man selbst längst am Limit war. Mit Ärzt:innen oder Pflegeleitungen wiederum ist eine präzise, sachliche Kommunikation gefragt, oft in Fachsprache und meistens unter Zeitdruck.

In der PR dagegen stehen Gespräche mit Journalist:innen, mit Kund:innen und Kolleg:innen im Fokus sowie das Schreiben von Texten, die häufig erklärungsbedürftige Themen für unterschiedliche Adressaten greifbar machen sollen. Die Sprache ist strategischer, die Tonalität professioneller, die Zielgruppe sind hier Entscheider:innen, Fachexpert:innen und Journalist:innen.

Der Kern guter Kommunikation ist in beiden Disziplinen der Gleiche: Zuhören. Verstehen. Reagieren. Klar und empathisch zu kommunizieren, ohne sich selbst zu verlieren. Nur die Erwartungen sind andere. In der PR fordern die Kund:innen Ergebnisse, Zahlen, Sichtbarkeit. Und sie erwarten, dass wir als Agentur genau wissen, wie man ihre Botschaften in die Öffentlichkeit bringt. Auf der anderen Seite erwarten Journalist:innen und deren Leserschaft Themen und Texte mit einem hohen Wertbeitrag.

Ich habe gelernt, mich zwischen diesen beiden Kommunikationswelten zu bewegen. Ich weiß, wann empathische Kommunikation gefragt ist und wann professionelle Klarheit entscheidend ist. Diese Fähigkeit, zwischen emotionaler Nähe und strategischer Distanz zu wechseln, ist eine große Stärke.

Jülie Dürüs

Warum die Tech-Branche und Menschlichkeit zusammengehören

Bei Oseon gab es einen harten thematischen Bruch. Statt medizinischer Fachbegriffe wartete nun die Welt von Adtech, Martech und Traveltech auf mich. Hochtechnische, datengetriebene Branchen und hochgradig erklärungsbedürftig. Klar und nachvollziehbar zu kommunizieren, ist hier eine echte Herausforderung. Denn erst einmal muss man die Technologie, die Herausforderungen und die Vorteile, die sie den Menschen im Alltag bringt, selbst durchdringen.

Und genau hier beginnt der Mehrwert der Perspektive: Kommunikation muss anschlussfähig sein. Sie muss verständlich nahelegen: Welche Auswirkungen hat ein Produkt, eine Lösung, eine Entscheidung? Für Endnutzer:innen, für Stakeholder, für Investor:innen, für den Wettbewerb und die Branche?

Um das leisten zu können, brauchen wir mehr als Fachwissen. Als Kommunikator:in ist es wichtig, sich in Zielgruppen einfühlen zu können und Inhalte so zu übersetzen, dass die Leser:innen sie verstehen und akzeptieren. Genau das ist für mich der Kern guter PR: Komplexe Themen zugänglich machen, ohne sie zu vereinfachen. Das gelingt nur, wenn man zuhört, analysiert und die Sprache des Gegenübers spricht.

Natürlich gibt es im Arbeitsalltag Herausforderungen. Spontane Anfragen, wenn man ohnehin am Limit ist. Enge Deadlines. Themen, bei denen das erwartete, mediale Echo völlig ausbleibt. Und gerade dann braucht es ein feines Gespür dafür, wie man mit Kunden umgeht. Ehrlich und gleichzeitig ermutigend. Transparent und dabei lösungsorientiert.

Zwischen 'professionell' und 'menschlich' muss kein Widerspruch bestehen, sondern dass eine kann das andere verstärken. Gerade im Umgang mit Meinungsführer:innen oder Marketingverantwortlichen, die viel erwarten.

Jülie Dürüs

Quereinsteiger:innen sind für die Kommunikationsbranche sehr wertvoll

Quereinsteiger:innen bringen Perspektiven und Kompetenzen mit, die in der Kommunikationsbranche zunehmend an Bedeutung gewinnen. Wer aus anderen Berufsfeldern in die PR wechselt, bringt einerseits fachfremdes Wissen mit und andererseits kreative neue Perspektiven, die in klassischen Kommunikationskarrieren häufig untergehen.

Gerade in technologiegetriebenen Branchen wie Adtech, Martech oder Traveltech ist es entscheidend, Inhalte so zu vermitteln, dass sie fachlich korrekt und gleichzeitig verständlich, relevant und zielgruppengerecht sind. Menschen mit beruflicher Vorerfahrung zum Beispiel in sozialen oder medizinischen Berufen können hier einen echten Mehrwert bieten. Sie verfügen über ein ausgeprägtes Kommunikationsgespür, das weit über das rein Sprachliche hinausgeht. Sie verstehen intuitiv, wie Kommunikation wirkt, wo Missverständnisse entstehen können und wie sich komplexe Themen menschlich übersetzen lassen. Neben inhaltlichem Mehrwert stärken Quereinsteiger:innen auch die Teamdynamik. Sie hinterfragen Prozesse, bringen neue Ideen ein und sorgen dafür, dass sich bestehende Strukturen weiterentwickeln. Ihre Lernbereitschaft und ihre frische Sichtweise wirken oft als Katalysator, intern wie auch im Kundenkontakt.

Agenturen, die solchen Werdegängen Raum geben, investieren nicht nur in individuelles Potenzial, sondern auch in ihre eigene Zukunftsfähigkeit. Denn gute Kommunikation entsteht dort, wo fachliche Kompetenz auf unterschiedliche Lebenserfahrung trifft und wo Offenheit für andere Perspektiven zur gelebten Unternehmenskultur gehört.

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