Nachhaltigkeit: Die Zukunft der Baubranche
Klimaziele verändern die Baubranche grundlegend, und mit ihr den Maßstab dafür, was ein gutes Gebäude ausmacht. Dabei wird die Nachhaltigkeit von Gebäuden zum entscheidenden Faktor für deren ökologische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Zukunftsfähigkeit. Zurecht: Der Bausektor verursacht etwa 38 Prozent der weltweiten CO₂-Emissionen. Kein anderer Wirtschaftsbereich kann ein ähnlich großes Einsparpotenzial aufweisen.
Die EU verschärft aktuell die Anforderungen an Neubauten, Bestandsimmobilien und kommunale Planung. 2026 treten mehrere wegweisende Regelwerke in Kraft, die das Bauen nachhaltiger machen sollen:
- Energy Performance of Buildings Directive (EPBD): Bis Mai 2026 muss die Richtlinie in deutsches Recht überführt sein. Sie verpflichtet Bauherr:innen und Immobilienbesitzer:innen dazu, einen Energieausweis mit verbindlichen Effizienzmaßnahmen zu führen. Neubauten öffentlicher Gebäude müssen künftig emissionsfrei sein, Bestandsgebäude schrittweise strengere Effizienzklassen erreichen.
- Europäische Bauproduktenverordnung (BauPVO): Die neue Verordnung sorgt ab 2026 dafür, dass Bauprodukte nicht nur technisch bewertet, sondern auch über ihren gesamten Lebenszyklus, ihre Nachhaltigkeit und Recyclingfähigkeit transparent gemacht werden. Damit sind digitale Produktpässe verpflichtend, mit denen Hersteller Leistungs- und Konformitätsdaten, Sicherheits- und Gebrauchsinformationen sowie CO₂-Fußabdruck liefern.
- Gebäudeenergiegesetz (GEG): Bereits seit 2025 berücksichtigt das GEG erstmals CO₂-Emissionen gleichwertig zu energetischen Effizienzkennzahlen, was die Klimawirkung eines Gebäudes deutlich stärker in den Fokus rückt. Bei Neubauten wird nicht nur der Energieverbrauch, sondern auch die tatsächliche CO₂-Bilanz der eingesetzten Energieträger und Systeme entscheidend für die Bewertung und Genehmigung. Gleichzeitig verschärft das GEG die Anforderungen an neue Heizsysteme: Sie müssen zu mindestens 65 Prozent erneuerbare Energien nutzen – ein Schritt, der fossile Heizungen weiter zurückdrängt und die Dekarbonisierung des Gebäudebestands beschleunigt.
Für Bauherr:innen, Eigentümer:innen und Investor:innen bedeutet das: Nachhaltigkeit ist zunehmend verpflichtend statt optional – und eine Chance, langfristig resilienter zu wirtschaften.
Innovative Baustoffe können graue Emissionen senken
Baustoffe sind der größte Hebel für klimaneutrales Bauen. Hier ist der Anteil an grauen Emissionen hoch, also an der Energie, die man für dessen Herstellung, Transport, Lagerung, Verkauf und Entsorgung insgesamt aufwendet. Neue Materialien reduzieren graue Emissionen und verlängern die Lebensdauer von Gebäuden. Regenerative Baustoffe gehören zu den vielversprechenden Lösungsansätzen. Sie basieren auf biologischen, recycelten oder CO₂-neutralen Materialien, die im besten Fall sowohl umweltfreundlicher als auch widerstandsfähiger und langlebiger sind als traditionelle Baustoffe.
Zement und Beton: Alternativen für den emissionsarmen Hochbau
Heidelberg Materials hat diesen Sommer in Brevik/Norwegen die erste industrielle CO₂-Abscheideanlage für Zement in Betrieb genommen. Ein Meilenstein der Dekarbonisierung! Dank der CO₂-Abscheidung und -speicherung soll der weltweit erste Netto-Null-Beton produziert werden können.
Zement ist hauptverantwortlich für die CO₂-Emission von Beton. Innovativer Beton ersetzt den Zement zumindest teilweise, zum Beispiel durch gemahlene Biokohle oder Hochofenschlacke und Grünlauge. Es ist sogar möglich, Kohlendioxid in der Betonmischung zu binden. Das CO₂ bildet mit den Mineralien stabile Karbonate, die den Beton nachhaltiger, und sogar fester als herkömmlichen Beton machen.
Parallel entstehen Alternativen wie der kalklose Geopolymer-Beton, der Industrieabfälle nutzt und bis zu 80 Prozent weniger CO₂ verursacht. Neu ist auch sogenannter selbstheilender Beton: Hier produzieren Bakterien Kalkstein, sobald sie in Berührung mit Wasser kommen, etwa durch einen Riss. Das Kalkwachstum füllt die Risse und verlängert die Lebensdauer von Betonbauten.
Klimafreundlicher bauen mit grünem Stahl
Ein weiterer großer CO₂-Treiber in der Bauindustrie ist der herkömmliche Stahl. Grüner Stahl nutzt neue Verfahren, die den CO₂-Ausstoß stark reduzieren. Dabei ersetzt grüner, also nachhaltig gewonnener Wasserstoff die sonst üblichen fossilen Brennstoffe: Er löst den Sauerstoff aus dem Eisenerz und es entsteht Wasser statt CO₂. Das so gewonnene „Schwamm-Eisen“ wird anschließend in einem elektrisch betriebenen Ofen zu Stahl geschmolzen. Stammt der Strom aus erneuerbaren Quellen, zahlt das noch weiter auf die Ökobilanz ein. Nötig ist dazu allerdings ausreichend hochwertiger Schrott.
Holz und biobasierte Materialien als klimaneutrale Bauoptionen
Holz erlebt ein Comeback als nachhaltiger Baustoff. CLT (Cross-Laminated Timber) und BSH (Brettschichtholz) ermöglichen stabile, sichere und mehrgeschossige Bauweisen mit deutlich geringerer Umweltlast.
Auch innovative neue Werkstoffe erweitern die Möglichkeiten:
- Myzel-Ziegel wachsen aus Pilzgeflechten und sind bereits nach wenigen Tagen einsatzbereit. In der Herstellung benötigen diese Ziegel wesentlich weniger Energie als herkömmlich gebrannte Tonziegel. Sie sind zudem komplett kompostierbar und bieten dennoch genug Stabilität im Hausbau.
- Hanfziegel bestehen aus schnell nachwachsenden Hanffasern und Kalk. Diese Mischung speichert zusätzliche CO2, ist wesentlich leichter als Ton und weist hervorragende Dämmeigenschaften auf. Hanfziegel sparen also sowohl bei der Herstellung als auch dem Transport und im Betrieb Energie.
Kreislaufwirtschaft im Bau: Urban Mining, Materialpässe und Rückbau als Zukunftskonzept
Kreislaufdenken muss zur Grundlage jeder Nachhaltigkeit von Gebäuden werden. Ein großer Teil der CO₂-Bilanz entsteht im Neubau und durch Abbruch: Rund 40 Prozent des gesamten europäischen Abfallaufkommens stammen aus Bau- und Abbruchprozessen. Statt ganze Gebäude abzureißen, setzen immer mehr Kommunen und Bauherren auf selektiven Rückbau und trennen Materialien sortenrein. Beton, Stahl, Holz und Glas lassen sich etwa wiederverwenden und so in der Nutzungsdauer optimieren. Die Entwicklung hin zur Kreislaufwirtschaft ist deutlich spürbar: Materialien bleiben länger in Nutzung, um Abfall zu reduzieren und Ressourcen zu schonen.
Digitale Werkzeuge unterstützen diese Entwicklung:
- Materialpässe, wie etwa den DGNB Gebäuderessourcenpass oder den Digital Product Passport DPP auf EU-Ebene, dokumentieren Baustoffe, um dies später bei Rückbau, Wiederverwendung und für Wertstoffmärkte belegen zu können.
- Digitale Materialkataster verwalten die CO₂-Bilanzen und Recyclinganteile.
Das Konzept des Urban Mining betrachtet Gebäude und Städte als Rohstofflager: In deutschen Gebäuden stecken über 20 Milliarden Tonnen Baustoffe. Die EU fördert die Kreislaufwirtschaft im Bau seit 2024 durch Programme wie Circular Construction. Dadurch entstehen Pilotprojekte wie zum Beispiel das CirCoFin in München, das digitale und physische Handelsplattformen für Sekundärbaumaterialien etablieren möchte.
Die Infrastruktur für ein umfassendes Recycling ist noch zu wenig entwickelt. Fehlendes Know-how und oft hohe Kosten für den recycelten Rohstoff erschweren das Urban Mining im Moment gegenwärtig zusätzlich. Fehlende Normen und Qualitätsstandards sind eine weitere Herausforderung. Doch die Chancen überwiegen: Materialeffizienz senkt Kosten, sichert Lieferketten und verbessert ESG-Ratings.
Nachhaltige Gebäudenutzung: Warum Umbau klimafreundlicher ist als Neubau
Der nachhaltigste Neubau ist der, der nicht gebaut wird. Denn: Der Großteil der grauen Emissionen eines Gebäudes entsteht noch vor der Nutzung, nämlich in Materialherstellung, Transport und Bau. Wie nachhaltig Gebäude sind, hängt auch entscheidend davon ab, wie wir mit dem Bestand umgehen – ob wir ihn abreißen oder neu denken, ob wir die Struktur als Ressource begreifen oder als Altlast. In der Praxis bedeutet das meist: Umbauen statt neu bauen.
Hinzu kommt: Der Gebäudebestand in Deutschland ist groß, oft solide und in zentraler Lage. Er bietet enormes Potenzial für neue Nutzungen als Wohnraum, Büro oder soziale Infrastruktur. Die Gebäuderichtlinie EPBD betont seit der Überarbeitung die Vorrangstellung der Bestandserhaltung. Förderprogramme von KfW und der Bundesförderung für effiziente Gebäude (BEG) machen Umbau und Sanierung wirtschaftlich attraktiver.
Bestandsgebäude klimafreundlich transformieren statt abreißen
„Adaptive Reuse“ beschreibt die kreative Umnutzung bestehender Gebäude, bei der sich die ursprüngliche Funktion eines Gebäudes ändert, während Struktur und Material erhalten bleiben. Selbstredend spart das Kosten, es bewahrt darüber hinaus allerdings häufig auch eine kulturelle und lokale Identität. Nachhaltigkeit steckt also einerseits in neuen Technologien, andererseits im Umdenken beim Verwenden dessen, was bereits vorhanden ist.
Bauherren können eine mögliche Umnutzung bereits bei Planung und Genehmigung mitdenken. Nachhaltige Bestandspolitik zielt daher im besten Fall auf Substanzerhalt und Flexibilität ab. Wenn EU-weit Sanierungsstrategien inklusive Standards entstehen, bewegt sich Kapital und Kreativität weg vom Abriss und hin zur Transformation.
Nachhaltigkeit entsteht durch das Zusammenspiel aus Material, Planung und Nutzung. Wer jetzt in Innovation und Kreislaufprozesse investiert, gestaltet die Zukunft der Branche klimaneutral, ressourcenschonend und wirtschaftlich stabil.
Bildquelle: James Sullivan auf Unsplash