Mental Health am Arbeitsplatz
Stell dir vor, eine Kollegin im Büro leidet plötzlich unter starkem Schwindel. Wie reagierst du? Wahrscheinlich hilfst du ihr, sich hinzulegen, die Beine hochzulegen und holst ihr ein Glas Wasser. Bei weiteren Symptomen wie Übelkeit, starken Kopfschmerzen oder sogar Sprachstörungen würdest (und solltest!) du einen Arzt oder eine Ärztin rufen. So zu handeln, hast du gelernt, ob im sozialen Umfeld oder in einem Erste-Hilfe-Kurs.
Wie würdest du reagieren, wenn dieselbe Kollegin seit mehreren Wochen einen niedergeschlagenen Eindruck macht, dir auffällt, dass sie sich schlechter konzentrieren kann und sich sichtlich schwertut, Entscheidungen zu treffen? Wüsstest du, wie du reagieren kannst, um ihr zu helfen?
Bei Oseon gibt es regelmäßige Auffrischungskurse für Erste Hilfe in körperlichen Notfällen. Doch dort habe ich nicht gelernt, auf psychische Krisensituationen zu reagieren. Um diese Lücke zu schließen, setzt Oseon auf zertifizierte Mental Health-Ersthelfer:innen. Ich habe einen solchen Kurs besuchen dürfen, und das sind meine wichtigsten Erkenntnisse.
1. Psychische Erkrankungen sind weit verbreitet
In den meisten westlichen Ländern leidet knapp die Hälfte aller Menschen im Laufe ihres Lebens an einer psychischen Erkrankung. In Deutschland weist innerhalb eines Jahres jede dritte Person eine oder mehrere klinisch bedeutsame psychische Störungen auf. Das bedeutet, dass auch in deinem Umfeld fast sicher jemand betroffen ist. Wenn du niemanden kennst, dann liegt das eher an einem guten Selbstschutzmechanismus der betroffenen Person.
Denn Betroffene leiden häufig zusätzlich an Stigmatisierung und Diskriminierung. Da psychische Störungen oft schwer zu erkennen sind, können sie unter anderem im Berufskontext zu negativen Urteilen der Arbeitskolleg:innen führen, etwa wenn sie eine Person als nicht belastbar wahrnehmen. Da liegt es nahe, dass Betroffene ihre mentale Erkrankung verstecken wollen. Um das zu vermeiden, sollten so viele Menschen wie möglich über psychische Erkrankungen informiert sein.
2. Psychische Erkrankungen entstigmatisieren
Aussagen wie „das ist ja gestört“, „du bist doch wahnsinnig“ und Begriffe wie „geisteskrank“, „verrückt“ oder „durchgeknallt“ begegnen uns im Alltag leider ständig. Diese oft in ganz anderem Kontext genutzten, umgangssprachlichen Begriffe für psychische Gesundheitsprobleme fördern Stigmatisierung und wir sollten sie daher nicht mehr verwenden. Dafür ist Aufklärung nötig. Und dazu kann jede:r von uns als Multiplikator:in beitragen.
Gerade Personen, die mit einer Psychose zu kämpfen haben, leiden oft unter starken Vorurteilen. Diese Stigmatisierung treiben Menschen einerseits durch Alltagssprache und andererseits durch mediale Narrative voran. Das geschieht etwa, wenn Betroffene als gewalttätig dargestellt werden – obwohl das Risiko für Gewalthandlungen enger mit Alkohol- und Substanzkonsum zusammenhängt als mit psychotischen Störungen. Dabei benötigen genau diese Menschen Hilfe, denn bei Betroffenen von Psychosen besteht ein erhöhtes Suizidrisiko.
3. Suizidprävention: Offen darüber sprechen
Suizid ist in Deutschland eine der häufigsten Ursachen für vorzeitige Sterblichkeit, also den Tod von Menschen unter – je nach Definition – 65, 70 oder 75 Jahren. Hinter fast 90 Prozent aller Suizide steht eine psychische Störung. Um adäquat helfen zu können, ist es wichtig zu erfahren, ob eine Person Suizidgedanken hat. Wenn sie es nicht von sich aus mitteilt, ist die einzige Möglichkeit, sie direkt zu fragen. Dabei kommt es weniger auf die Wortwahl an, als darauf, einfühlsam zu sein.
Manchen Menschen fehlt der Mut, direkt nach Suizidgedanken zu fragen. Doch eine direkte Nachfrage gibt der Person die Möglichkeit, über ihre Probleme zu sprechen. Als Ersthelfer:in arbeitest du in einem solchen Fall mit der Person zusammen, um für ihre Sicherheit zu sorgen, ihr beizustehen und mit ihr über professionelle Hilfe wie psychiatrische Kliniken und Notfallnummern zu sprechen.
Hast du suizidale Gedanken? Dann solltest du dir unverzüglich ärztliche und psychotherapeutische Hilfe holen. Bitte wende dich an die nächste psychiatrische Klinik oder rufe in akuten Fällen den Notruf an unter 112. Die Telefonseelsorge bietet eine anonyme Beratung - persönlich, am Telefon, im Chat oder per Mail - 24 Stunden am Tag, kostenlos aus ganz Deutschland: Tel. 0800 - 111 0 111. Weitere Hilfs- und Beratungsangebote hat das Aktionsbündnis Seelische Gesundheit hier zusammengestellt.
4. Hilfsangebote bei psychischen Krisen
Im gesundheitlichen Spektrum zwischen dem Wohlbefinden einer Person und der Gesundung nach Erkrankung setzt Mental Health First Aid bei der Frühintervention an. Ersthelfer:innen nehmen eine Schnittstellenfunktion zwischen den betroffenen Personen und professionellen Helfer:innen ein. Dafür ist es wichtig, dass so viele Menschen wie möglich Hilfsangebote kennen, um Betroffene dabei zu unterstützen, professionelle Hilfe anzunehmen.
Neben überregionalen Angeboten wie der Telefonseelsorge gibt es verschiedene regionale Angebote, in Hamburg zum Beispiel das Hamburgische Krisentelefon. Auf den Webseiten von Städten, Kommunen oder Landkreisen gibt es in der Regel eine Auflistung regionaler Krisenangebote, wie hier von der Sozialbehörde Hamburg. Diese Institutionen bieten Informationen über Anlaufstellen in der Regel auch in gedruckter Form an, auch um sie weiterzugeben – du kannst sie beispielsweise an deinem Arbeitsplatz auslegen.
Mental Health-Ersthelfer:innen am Arbeitsplatz
Psychische Erkrankungen können ebenso schwere Beeinträchtigungen nach sich ziehen wie körperliche. Umso wichtiger ist es, den eigenen Wissensstand sowie das Verständnis entsprechend anzupassen und mit Betroffenen so umzugehen, wie wir sichtbar körperlich erkrankte Menschen behandeln.
Das evidenzbasierte Programm „MHFA-Ersthelfer:innen – Kurse für psychische Gesundheit" vermittelt Wissen, um mehr Menschen dazu zu befähigen, möglichst frühzeitig handeln zu können. Ich bin davon überzeugt, dass mehr ausgebildete Mental Health-Ersthelfer:innen am Arbeitsplatz lebenswichtig sein können. Als den Betroffenen nahestehende Personen können wir Arbeitskolleg:innen den Zugang zu professioneller Hilfe erleichtern, Vorurteile und Diskriminierung reduzieren und ihnen den Respekt und die Unterstützung bieten, die sie benötigen. Für Arbeitgeber:innen ergibt sich hier neben ihrer Verantwortung für die Mitarbeitenden auch eine weitere Ebene: Nur wer psychisch gesund ist, kann seine beste Leistung abrufen.
Wenn du auch Ersthelfer:in werden möchtest, findest du hier entsprechende Kurstermine, online und vor Ort: https://www.mhfa-ersthelfer.de/de/.