James Webb, Schwarze Löcher & Co. – Was nützt uns Astronomie?

Nach über 20 Jahren der Planung, Entwicklung und des Baus war es am 25. Dezember 2021 endlich so weit: Das Weltraumteleskop James Webb (JWST) startete vom europäischen Weltraumbahnhof in Französisch-Guayana aus ins All. Nach anderthalb Millionen Kilometern Flugzeit erreichte das JWST seine Zielposition und es folgte die bisher komplizierteste und schwierigste Installationssequenz im Weltraum. In der Nacht zum 12. Juli 2022 versetzten dann die ersten Bilder des Weltraumteleskops die Welt in Staunen und läuteten eine neue Ära der Astronomie ein. Seitdem uns das Teleskop an diesem Tag das älteste jemals von Menschen gesichtete Licht präsentierte, bricht es nun bereits im Eiltempo seine eigenen Rekorde.

Unweigerlich steht in Zeiten von irdischen Vielfachkrisen die Frage im Raum: Was nützt uns der Blick in ferne Welten?

Manuel Tietze, Oseon

Mit rund 10 Milliarden Dollar ist das an Weihnachten gestartete JWST das wohl teuerste Weihnachtsgeschenk und eine der kostspieligsten Weltraummissionen der Geschichte. Unweigerlich stehen in Zeiten von irdischen Vielfachkrisen die Fragen im Raum: Was nützt uns der Blick in ferne Welten? Müssen wir solche astronomischen Summen nicht in die Lösung von Problemen auf der Erde investieren? Ja, das müssen wir. Sollten wir aber deshalb aufhören, die Astronomie zu fördern? Ich denke: Nein, das sollten wir nicht. Und zwar aus drei Gründen.

1. Astronomie beflügelt technologische Innovationen

Das JWST ist ein internationales Programm, das von der US-amerikanischen Weltraumorganisation National Aeronautics and Space Administration (NASA) gemeinsam mit der Canadian Space Agency (CSA) und der European Space Agency (ESA) geführt wird. Da die ESA von allen Mitgliedsstaaten der Europäischen Union in Abhängigkeit ihres Bruttoinhaltsprodukts finanziert wird, haben auch deutsche Steuergelder die galaktische Beobachtungsmission ermöglicht. Doch unser Beitrag ist überschaubar: Pro Kopf bezahlt jede EU-Bürgerin und jeder EU-Bürger in etwa den Preis eines Kinobesuchs für die Raumfahrtausgaben der ESA. Und ist der Anblick von Galaxien, deren Licht mehr als 13 Milliarden Jahre benötigt hat, um auf unsere Erde zu gelangen, nicht viel besser als jeder Kinofilm?

Das Weltraumteleskop zeigt uns nicht nur einen Blick in die Geburtsstunde unseres 13,8 Milliarden Jahre alten Kosmos, sondern begibt sich auch auf die Suche nach außerirdischem Leben und bewohnbaren Planeten. Die US-Vizepräsidentin Kamala Harris nennt das Observatorium „eine der größten technischen Errungenschaften der Menschheit“. Die im JWST verbauten Technologien setzen nicht nur den Standard für zukünftige astronomische Beobachtungen, sondern auch für andere naturwissenschaftliche Disziplinen. Und die Konstruktion des JWST führt zu technologischen Innovationen in anderen Bereichen wie etwa der Medizintechnik, Luftfahrt, Halbleiterindustrie und dem Energiesektor. Dazu zählen beispielsweise Verbesserungen in der Messtechnik für die Vermessung des menschlichen Auges und die Diagnose von Augenkrankheiten sowie Sensoren für die Vorhersage von Wettermustern und Windgeschwindigkeiten.

Eine der größten technischen Errungenschaften der Menschheit

Kamala Harris, US-Vizepräsidentin, über das JWST

Investitionen in die Wissenschaft der Astronomie und Astrophysik haben demnach einen unmittelbaren Nutzen für uns. Tatsächlich nutzen Sie, lieber Leser und liebe Leserin, gerade eine dieser Technologien. Im Jahr 1977 entwickelte der Ingenieur John O’Sullivan eine Methode, um Bilder von Radioteleskopen zu schärfen. Darauf basierend forschte er an einem Verfahren, um Computernetzwerke zu stärken – das Ergebnis dieser wissenschaftlichen Arbeit kennen und nutzen wir heute als WLAN.

Kugelsternhaufen Messier 80 (Foto: NASA on Unsplash) 

2.  Astronomie öffnet uns die Augen

Zu Beginn dieses Beitrags wurde die Frage nach dem Nutzen aufgeworfen, den die Astronomie für uns hat. Die beschriebenen Beispiele führen uns eine unmittelbare, technologische Nützlichkeit vor Augen. Doch die Astronomie gibt es seit über 5000 Jahren und sie bietet uns als älteste aller Wissenschaften mehr als einen kurzfristigen Nutzen: Sie öffnet uns die Augen.

Mein persönlicher, augenöffnender Moment liegt bereits einige Jahre zurück. Tik Tok lief gerade rauf und runter – allerdings im Radio und nicht auf dem Smartphone sowie von Kesha und nicht von ByteDance. Ich hatte mich mit den astronomischen Objekten grundlegend beschäftigt und versuchte, die Weite des Kosmos zu begreifen. Während ich dabei unter dem sternenklaren Himmel stand, wurde mir plötzlich bewusst, wie klein und unbedeutend wir im kosmischen Maßstab sind: Die Erde als ein Planet von vielen im Sonnensystem, die Sonne als ein Stern von Hunderten Milliarden innerhalb der Milchstraße, die Lokale Gruppe als ein Haufen mit Hunderten von Galaxien, der Virgo-Superhaufen mit Hunderten von Galaxienhaufen, Laniakea als Groß-Supergalaxienhaufen mit weiteren Superhaufen. Und irgendwo dort, in diesem schier endlosen Universum, sind wir. Jeder Blick in den Sternenhimmel erfüllt mich seit diesem Moment mit Glück und Freude.

Unsere Heimatgalaxie, die Milchstraße (Foto: Privat)

Die Astronomie kann nicht nur individuellen Augen öffnen, sondern auch die der gesamten Weltbevölkerung. Paradoxerweise mussten wir erst die Reise zu einem anderen Himmelskörper wagen, um die Verletzlichkeit unseres eigenen Planeten zu begreifen. Das im Dezember 1968 auf der Apollo 8 Mission entstandene und Earthrise genannte Foto zählt das Time Magazine zu den 100 einflussreichsten Fotografien aller Zeiten. Die Aufnahme zeigt die über dem Mond aufgehende Erde und ist das erste Bild unseres Heimatplaneten von oben. Dieser Perspektivwechsel führte uns erstmals die Fragilität und die Isolation der Erde in den Weiten des Kosmos vor Augen. „Wir flogen hin, um den Mond zu entdecken. Aber was wir wirklich entdeckt haben, ist die Erde“, kommentierte der Fotograf William Anders.

Earthrise gilt heute als die wichtigste Umweltfotografie der Geschichte und prägte als ikonografisches Bild entscheidend die ökologischen Bewegungen der damaligen Zeit. Seither können wir mit Satelliten und der Internationalen Raumstation (ISS) aus dem All beobachten, wie wir die Natur immer weiter zerstören. "Man sieht Dinge, die einen überraschen: Gletscher, die kleiner werden, Seen, die austrocknen", sagt der Astronaut und ehemaliger ISS-Kommandant Alexander Gerst. Heute, mehr als 50 Jahre nachdem Earthrise entstand, ist es wichtiger als je zuvor, dass wir uns die Verletzlichkeit unseres Planeten in Erinnerung rufen.

Wir flogen hin, um den Mond zu entdecken. Aber was wir wirklich entdeckt haben, ist die Erde.

William Anders, Apollo 8 Astronaut und Earthrise-Fotograf
Earthrise (Foto: NASA on Unsplash)

3. Astronomie generiert langfristiges Wissen

Menschen denken häufig kurzfristig. Der meiner Ansicht nach wichtigste Nutzen von Astronomie ist deshalb die Erzeugung langfristigen Wissens, auf das wir nicht unmittelbar, sondern später zurückgreifen.

Astronomie ist stets Grundlagenforschung. Sie blickt auf die großen Zusammenhänge und ist damit der Motor für andere Naturwissenschaften. So wird langfristiges Wissen generiert, aus dem zukünftig etwas Nützliches erschaffen werden kann. Indem unsere Vorfahren beispielsweise bereits vor Tausenden von Jahren in den Himmel blickten, erkannten sie regelmäßige Abläufe. Diese Erkenntnisse, etwa über Jahreszeiten und Windrichtungen, halfen ihnen, erfolgreich Landwirtschaft zu betreiben. Und diese Landwirtschaft ist die Grundlage unserer heutigen Zivilisation.

Der Blick in das Weltall ist auch immer ein Blick in den Spiegel

Manuel Tietze, Oseon

Vielleicht wird also aus den gerade stattfindenden Beobachtungen des JWST erst in Tausenden von Jahren etwas Nützliches erzeugt. Vielleicht können wir mit dem tiefen Blick in die Vergangenheit unseres Kosmos aber auch schon sehr bald eine Antwort auf eine der wohl drängendsten Fragen der Menschheit finden: Wo kommen wir her? Damit ist der Blick des JWST in das Weltall also auch immer ein Blick in den Spiegel. Und dieser Blick wird uns durch die Astronomie ermöglicht. Sie verbindet uns Menschen mit dem Universum, das uns umgibt.

“Remember to look up at the stars and not down at your feet”, sagte einmal der theoretische Physiker und Astrophysiker Stephen Hawking. Ich wünsche augenöffnende Momente.

Titelbild: Greg Rakozy on Unsplash

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