Gesundheitsförderung in Unternehmen (nicht nur) für Frauen

Jede dritte bis vierte betroffene Frau denkt darüber nach, ihre Arbeitszeit aufgrund von Wechseljahrbeschwerden zu reduzieren, fast jede fünfte überlegt, deshalb früher in den Ruhestand zu gehen und eine von zehn Frauen kündigt wegen wechseljahrbedingten Belastungen sogar ihren Job. Bei rund 7,5 Millionen von Symptomen betroffenen Frauen in Deutschland ist das eine Menge Arbeitskraft, die da verloren geht. Das können wir uns eigentlich nicht leisten. Da war doch was mit Fachkräftemangel.

Es gibt Themen, die lassen einen nicht mehr los, wenn sie erst mal im Kopf sind. Frauengesundheit in Unternehmen ist für mich so eins. Aus vielen Gründen. Natürlich haben wir auch bei Oseon branchenbedingt eine ziemlich hohe Frauenquote im Team. Wir haben für Frauengesundheit und Gleichberechtigung sehr engagierte Kolleginnen an Bord. Femtech ist als Zukunftsthema eines unserer Herzensprojekte. Ich habe Personalverantwortung, bin selbst eine Frau – und ich werde nächstes Jahr 50.

(Frauen)gesundheit in Unternehmen als übersehener Wirtschaftsfaktor

Das Thema Gesundheit im Arbeitsumfeld ist aber leider so eine Sache. Wir reden über ergonomisches Sitzen, Arbeitsschutz, Fitnessangebote als Benefits, Obstkörbe (echt jetzt?), Work-Life-Balance und ja, auch – ganz allgemein - über Mental Health. Aber ans Eingemachte geht’s doch eher selten. Egal ob geschlechterspezifisch oder nicht. Es fehlt an Aufklärung, Offenheit und der Sicherheit, Probleme bedenkenlos ansprechen zu können. Wer gibt schon gerne zu, wenn die mentalen oder körperlichen Kräfte mal nicht so wollen? Angst, dass ein offenes Ansprechen von gesundheitlichen Einschränkungen negative Auswirkungen auf die Karriere haben könnte, ist verständlich - sollte aber doch eigentlich unbegründet sein. Rein rechtlich betrachtet darf niemand wegen Krankheit gekündigt werden. Die befürchteten Folgen sind also vielschichtiger und subtiler.

Angst, dass ein offenes Ansprechen von gesundheitlichen Einschränkungen negative Auswirkungen auf die Karriere haben könnte, ist verständlich - sollte aber doch eigentlich unbegründet sein.

Manuela Moore, Managing Partner, Oseon

Wenn schon nicht um unserer und der Gesundheit unserer Mitarbeitenden Willen, dann doch zumindest aus wirtschaftlicher Sicht sollte auch dem Letzten klar werden: Gesundheitsförderung in Unternehmen ist in Zeiten des demografischen Wandels und des daraus resultierenden Arbeitskräftemangels eine Notwendigkeit, um Mitarbeitende gesund, produktiv und zufrieden im Unternehmen zu halten. Insgesamt fehlten Beschäftigte in Deutschland geschlechterübergreifend laut DAK im vergangenen Jahr krankheitsbedingt im Schnitt 20 Tage. Allein die durch Menopause verursachten Produktivitätsverluste durch Fehlzeiten, Arbeitszeitreduktion oder früheres Ausscheiden aus dem Job werden weltweit auf rund 150 Milliarden Dollar pro Jahr geschätzt. Was brauchen wir noch für Anstöße?

Verschiedenste Krankheitsbilder können die Leistungsfähigkeit belasten

Wechseljahrbeschwerden sind hier nur ein Beispiel: Gerade einmal rund 15% der befragten Frauen gaben in einer aktuellen Studie der Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR) Berlin zu den Auswirkungen der Menopause am Arbeitsplatz an, dass sie sich von ihren Arbeitgebenden unterstützt fühlen. 78% sagten, dass an ihrem Arbeitsplatz selten oder nie über das Thema Wechseljahre gesprochen wird. 68% würden sich aber eine offenere Kommunikation wünschen. 78% fühlen sich aufgrund wechseljahrbedingter körperlicher und geistiger Erschöpfung in ihrer Leistungsfähigkeit eingeschränkt. Knapp 66% leiden unter belastenden Schlafstörungen. Rund drei Viertel nennen mangelnde Konzentrationsfähigkeit und erhöhte Stressanfälligkeit als einschränkende Faktoren. Rund jede Dritte war aufgrund von Menopause-Symptomen bereits krankgeschrieben oder musste unbezahlten Urlaub nehmen.

Worüber müssen wir noch sprechen? Über Belastungen durch frauenspezifische Erkrankungen wie Endometriose, die 2 Millionen Patientinnen zu schaffen macht, oder Brustkrebs, an dem im Laufe ihres Lebens 13 von 100 Frauen erkranken. Krankheitsbilder, die die berufliche Leistungsfähigkeit zumindest zeitweise einschränken. Oder die Tatsache, dass Frauen häufiger an einem Herzinfarkt sterben als Männer, weil die geschlechtsspezifischen Symptome nicht bekannt genug sind. Oder dass Frauen auch aufgrund erhöhten Mental Loads durch Doppelbelastung Job plus Care-Arbeit psychisch oft zu stark belastet sind: Frauen kamen in Deutschland 2022 auf 77 Millionen Kranktage wegen psychischer Beschwerden. Bei Männern lag die Zahl bei 55 Millionen. Im Durchschnitt fehlten Betroffene 32 Tage. Und die Liste geht noch lange so weiter.

Handlungsoptionen für Unternehmen: Verständnisvolles Betriebsklima, Aufklärung und Unterstützung bei der Gesundheitsvorsorge

Was können Unternehmen also tun, um hier Bewusstsein zu schaffen, Gesundheit zu fördern und gezielt auch Frauen zu unterstützen? Auf der diesjährigen Copetri Convention teilte Andrea Biebl, die sich als Kommunikatorin für Frauengesundheit einsetzt, Vorschläge für mehr Gesundheitsförderung in Unternehmen. Die Idee, per festem Kalenderblocker Mitarbeitenden einen Termin zu setzen, um Vorsorgeuntersuchungen für sich und ihre Angehörigen zu vereinbaren - natürlich während der Arbeitszeit - haben wir direkt übernommen. Und Andrea Biebls Vortrag zum Anstoß genommen, das Thema selbst höher zu priorisieren. Eine Unternehmenskultur zu fördern, in dem Wissen zum Thema Gesundheit geteilt wird und Beschwerden kein Tabuthema sind, ist wichtig. Und sonst?

Hier unsere Top Tipps für mehr Gesundheitsförderung (nicht nur für Frauen) in Unternehmen, die auch in kleinen Teams leicht umsetzbar sind:

  1. Unternehmen können die Gesundheitsvorsorge unterstützen, in dem sie etwa an Vorsorgetermine erinnern, Aktionstage für Aufklärung nutzen und das Thema Gesundheit aktiv im Rahmen ihrer internen Kommunikation besetzen.
  2. Erste Hilfe-Kurse schulen Teams, medizinische Notfälle besser zu erkennen und schnell die richtigen Hilfsmaßnahmen einzuleiten.
  3. Die Sensibilisierung von Führungskräften und Teams im Umgang mit möglichen gesundheitlichen Problemen am Arbeitsplatz schafft eine Grundlage, auf der offene Gespräche möglich sind, wenn nötig.
  4. Flexible Arbeitszeitmodelle und die Möglichkeit, von zuhause zu arbeiten, helfen Betroffenen, sich ihre Arbeit entsprechend ihrer Ressourcen einzuteilen und auf emotionale oder körperliche Hochs und Tiefs flexibler reagieren zu können – auch ohne dass es jedes Mal alle mitkriegen müssen.
  5. Achtsamkeitstrainings durch externe Coaches schulen das Team in Sachen Stressbewältigung, sorgen für mehr Bewusstsein für die eigenen Bedürfnisse und Grenzen im Sinne der Selbstfürsorge und fördern die Früherkennung von Stressoren bei sich selbst und im Team.
  6. Schnupperstunden für Yoga oder das gezielte Fördern von Freizeitsport, z.B. durch finanzielle Bezuschussung, rückt das Thema sportlichen Ausgleich zum Arbeitsalltag ins Blickfeld.

In diesem Sinne: Bleibt gesund. Habt ein offenes Ohr und Verständnis für die, die nicht auf der Höhe sind. Und wenn’s bei euch mal nicht läuft: Verkriecht euch nicht. Es ist ok, auch mal nicht ok zu sein.

Bild: Unsplash

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