Digitalisierung to the rescue – So werden Klimaziele wahr

Tausende Schülerinnen und Schüler auf den Straßen bei den Fridays For Future, Nachhaltigkeit wird zum neuen Trend und die Grünen erreichen historische Wahlergebnisse bei der letzten Bundestagswahl. Noch nie war Klimaschutz so wichtig und so präsent wie heute. Und noch nie war so klar, dass auch die Politik sich dem widmen muss, und zwar dringend! Ein vielversprechender Weg, der die Erreichung der Klimaschutzziele in greifbare Nähe rückt, ist die verstärkte Investition in Digitalisierungsmaßnahmen, glauben drei Viertel der deutschen Bevölkerung. Doch wie sehen diese Maßnahmen in der Praxis aus? 

Im Jahr 2020 wurden rund 739 Millionen Tonnen Treibhausgase freigesetzt, rund 70 Millionen Tonnen (oder 8,7 Prozent) weniger als 2019 und 40,8 Prozent weniger als 1990. Damit wurde das Klimaschutzziel für 2020 mit Müh und Not erreicht. Den Grund für die Ersparnis sehen viele Expertinnen und Experten allerdings in der Corona-Pandemie, die zum Beispiel weniger Auto- und Flugverkehr mit sich brachte, und einem milden Winter. Zeit auszuruhen bleibt dementsprechend keine. Im Juni 2021 hat der Deutsche Bundestag daher neue, stärkere Klimaschutzziele beschlossen: Bis 2030 sollen statt 50 nun 65 Prozent der CO2-Emissonen eingespart werden und bis 2045 soll Deutschland klimaneutral sein. Erste Untersuchungen zeigen jedoch, dass die bisher geplanten Maßnahmen dafür bei Weitem nicht ausreichen.

Um unsere Klimaziele zu erreichen, müssen wir die Digitalisierung jetzt vorantreiben / Bild: Markus Spicke über Unsplash

Neustart für den Klimaschutz 

In diesem Sinne hat erst kürzlich der Bundesverband Erneuerbare Energie (BEE) die künftige Bundesregierung zu einem Neustart in Sachen Klimaschutz aufgefordert. Der BEE kritisiert, dass deutschen Unternehmen weiterhin verlässliche Rahmenbedingungen und Investitionssignale fehlen, um umfangreich in klimaneutrale Technologien zu investieren. Eine aktuelle Studie des vom Bundesbildungsministeriums geförderten Ariadne-Projekts zeigt zum wiederholten Mal, dass die Politik droht, die bis 2030 gesetzten Klimaziele zu verfehlen. In der Studie heißt es: „Die Klimaschutz-Ziele für 2030 und 2045 sind extrem herausfordernd und können nur mit massiven Investitionen, zusätzlichen politischen Maßnahmen und Infrastrukturaufbau in allen Sektoren erreicht werden.“

Eine Künftige Bundesregierung muss schleunigst Verantwortung übernehmen und zielgerichtete klimaschutzmassnahmen auf den weg bringen.

Rike Pröschild, Oseon

Damit auch nur der Hauch einer Chance besteht, dass aus Plänen und Wünschen Realität wird, muss eine künftige Bundesregierung schleunigst Verantwortung übernehmen und zielgerichtete Klimaschutzmaßnahmen auf den Weg bringen, und dabei auch dringend die Entwicklung der Digitalisierung vorantreiben. Genau das fordern die Deutschen von der Politik. 

Klimaziele erreichen – aber wie? 

Bereits Ende 2020 wurde eindeutig belegt, dass digitale Technologien wesentlich dazu beitragen können, unsere Klimaziele zu erreichen. Mit ihrer Hilfe können CO2-Emissionen bis 2030 um 151 Megatonnen reduziert werden. Das entspricht etwa einem Fünftel des heutigen Ausstoßes. Selbst unter Berücksichtigung der durch digitale Geräte oder Infrastrukturen erzeugten CO2-Emissionen beträgt die Ersparnis noch immer 129 Megatonnen netto – fast die Hälfte von dem, was Deutschland einsparen muss, um die selbstgesteckten Klimaziele zu erreichen.

In der Studie wurden sieben Anwendungsbereiche für digitale Technologien untersucht, die Möglichkeiten für eine besonders große CO2-Ersparnis bieten: industrielle Fertigung, Mobilität, Energie, Gebäude, Arbeit und Business, Gesundheit und Landwirtschaft. 

Digitalisierung führt ans Ziel

Die industrielle Fertigung bietet das größte CO2-Einsparpotenzial. Bei einer beschleunigten Digitalisierung könnten bis 2030 bis zu 61 Megatonnen CO2 eingespart werden. Machen wir weiter wie bisher, sind es nur etwa 35 Megatonnen. Zum einen bieten sich im Bereich der Automatisierung von Produktionsabläufen, bei der Prozesse selbstständig unter möglichst geringem Material- und Energieeinsatz ablaufen, viele Möglichkeiten zur Optimierung. Zum anderen können auch sogenannte „Digitale Zwillinge“ für CO2-Einsparungen sorgen: virtuelle Abbilder von kompletten Produktions- und Betriebszyklen, die digitale Testverfahren ermöglichen. So werden Material, Energie und Ressourcen gespart.

Bei Beschleunigter Digitalisierung können in der Industriellen Fertigung bis zu 61 Megatonnen Co2 eingespart werden

Bitkom

Im Mobilitätssektor kann besonders eine intelligente Verkehrssteuerung viel bewirken. Sensoren an der Straße oder GPS-Systeme im Auto können Daten liefern, anhand derer Ampeln geschaltet, Verkehrsströme umgeleitet oder öffentliche Transportmittel gestärkt werden können. Auch eine smarte Logistik, die Leerfahrten vermeidet und Frachtrouten optimiert, sowie die Car- und Ride-Sharing umfassende Sharing Mobility können für eine effizientere und ressourcenschonendere Mobilität sorgen.

Maßgebliche Technologien, um den Energiesektor voranzubringen, sind Smart Grids: intelligente Stromnetze, in denen Stromerzeugung und -verbrauch präzise gesteuert werden können. Daten und Elektrizität fließen in Smart Grids nicht nur vom Erzeuger zum Nutzer, sondern auch wieder zurück. So können Netzlasten besser gesteuert werden. Außerdem muss natürlich die Energiewende weiter vorangetrieben werden. Es müssen Anlagen gebaut werden, die eine digital gesteuerte, effiziente Produktion erneuerbarer Energien ermöglichen. Digitale Technologien, wie Künstliche Intelligenz und Big Data, können diese Anlagen in Echtzeit überwachen und analysieren, um Ausfällen durch vorausschauende Wartung vorzubeugen und die Auslastung der Anlagen zu erhöhen.

Nachhaltiger leben dank smarter Technologie

Neben Smart Grids helfen uns auch Smart Homes dabei, Energie zu sparen und Emissionen zu verringern. Heizkörper, die automatisch heruntergestellt werden, sobald ein Fenster geöffnet wird und intelligente Lampen, die das Licht löschen, sobald niemand mehr im Raum ist. Das ist keine Zukunftsmusik. 41 Prozent der Deutschen haben bereits Smart-Home-Anwendungen installiert. 29 Prozent nutzen intelligente Beleuchtung, 17 Prozent haben intelligente Heizkörper oder Thermostate im Einsatz. Auch in großen Büro- und Geschäftskomplexen werden bereits smarte, digitale Lösungen eingesetzt, die Kernfunktionen wie Heizung, Lüftung und Klimatisierung automatisch regeln.

Wer ein gut ausgestattetes Smart Home sein Eigen nennt, der arbeitet auch gerne dort, statt jeden Tag ins Büro zu pendeln. Jeder Tag im Home Office kann einen messbaren Beitrag zum Klimaschutz leisten. 2019 haben nur 12 Prozent der Deutschen im Schnitt zwei Tage pro Woche im Homeoffice gearbeitet. Während der Pandemie stieg diese Zahl – gezwungenermaßen – rapide an und Arbeitnehmende sowie Arbeitgebende fingen an, traditionelle Arbeitsweisen zu überdenken. Statt auf aufwändige Geschäftsreisen wird zunehmend auf Videokonferenzen gesetzt, und viele Unternehmen haben sich bereits dazu entschieden, ihre Büros zu verkleinern. Laut Bitkom könnten bei einer beschleunigten Digitalisierung der Büroarbeit 2030 mehr als die Hälfte der Berufstätigen in Deutschland im Home Office arbeiten.

Beschleunigte Digitalisierung fördert die Arbeit im Home Office - und damit die Erreichung der Klimaziele / Bild: Roberto Nickson über Unsplash

Seit der Corona-Pandemie hat auch die Nutzung von Video-Sprechstunden deutlich zugenommen. So wird nicht nur die Gefahr einer Ansteckung im Wartezimmer reduziert, sondern durch den Wegfall des Anfahrtsweges aktiv CO2 eingespart. Außerdem wurden so genannte „digitale Gesundheitsanwendungen“ zugelassen: Apps auf Rezept, die Besuche in medizinischen Einrichtungen im Bestfall überflüssig machen.

In der Landwirtschaft wird vor allem für die Herstellung von Düngemitteln viel Energie verbraucht. Ein nicht unwesentlicher Teil des Düngers landet jedoch nicht auf den Pflanzen, sondern im Grundwasser. Digitale Applikatoren und eine exakte Bodenanalyse können helfen, Düngemittel präzise zu verteilen und diese Belastung drastisch zu reduzieren.

Letzte Chance für den Klimaschutz?

Natürlich wird durch die Herstellung und den Betrieb von neuen Technologien nicht nur CO2 eingespart, sondern auch erzeugt – bei einer beschleunigten Digitalisierung wären es etwa 22 Megatonnen. Schon jetzt hat das Wachstum des E-Commerce Sektors, welcher auch nicht zuletzt durch die Corona-Pandemie noch beschleunigt wurde, zur Folge, dass sich durch Lieferfahrten mehr Autos auf den Straßen befinden als noch vor ein paar Jahren. Der steigenden Verkehrsbelastung könnte allerdings mit besser geplanten Routen und besser gepflegten Daten für eine verlässliche Zustellung entgegengewirkt werden. Außerdem ist der Versand eines Pakets weniger umweltschädlich, als selbst mit dem Auto in die Stadt zu fahren, um im stationären Handel zu shoppen. Es sind eher die durch den boomenden Online-Handel zwangsläufig steigenden Retouren, die den ökologischen Vorteil von Einkäufen im Netz wieder ins Gegenteil verkehren. 

Das durch Digitalisierung erzeugte einsparpotenzial ist deutlich höher als der co2-Fußabdruck, den wir hinterlassen

Bitkom

Auch dem erhöhten Naturverschleiß aufgrund des größeren Verpackungsaufkommens kann mithilfe von Technologie entgegengewirkt werden. Indem Unternehmen und Bürgerinnen und Bürger ihren Müll beispielsweise klug recyclen, können sie die Umwelt schonen und dabei noch Geld sparen. Insgesamt, so auch das Fazit der Bitkom-Studie, ist das durch Digitalisierung erzeugte Einsparpotenzial deutlich höher als der CO2e-Fußabdruck, den wir hinterlassen. 

Erste Praxistests hat die deutsche Wirtschaft bereits hinter sich. Im Auftrag von Bitkom wurden mehr als 750 Unternehmen befragt, von denen 77 Prozent berichten, dass ihr CO2-Ausstoß durch Digitalisierungsmaßnahmen gesunken sei. 44 Prozent der Befragten haben bereits eine intelligente Beleuchtung im Einsatz, 23 Prozent eine intelligente Heizung oder Kühlung. Sieben von zehn Unternehmen haben Dienstreisen durch Videokonferenzen ersetzt und fast zwei Drittel der befragten Unternehmen geben an, dank digitaler Technologien energieeffizienter arbeiten zu können. Ganze 78 Prozent sehen in der Digitalisierung eine Chance für unser Klima, und fordern von der Politik zusätzlich einen schnelleren Ausbau erneuerbarer Energien.

Es gibt eine schier unendlich lange Liste an klimafördernden Digitalisierungsmaßnahmen und diese gilt es jetzt anzupacken. Bereits jetzt findet in allen Branchen ein positives Umdenken statt und wenn die Politik künftig dabei hilft, die richtigen Weichen zu stellen, gehen Digitalisierung und Klimaschutz fortan Hand in Hand.

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