Die Start-Up-Kultur ist stark mit Städten wie Berlin, Hamburg und München verknüpft. Doch auch auf dem Land gibt es spannende Unternehmensgründungen, wie Ute und Marcel von Elbwolle zeigen. In unserem dritten und letzten Teil der Serie über die Digitalisierung des Wendlands sprechen sie über Medien, die Cloud und Kühlschränke, die den falschen Joghurt bestellen.

Foto von Ute und Marcel von ElbwolleUte und Marcel von Elbwolle / Bild: Nicole Dau, Oseon

Poster von Wendland Elbwolle Ute (51) und Marcel (56) kamen vor zwölf Jahren aus dem Stuttgarter Raum in das Wendland. Marcel gründete 1995 einen der ersten Internet Service Provider in Deutschland. Im Wendland bewirtschaften er und Ute einen Selbstversorgerhof, führen eine kleine Webagentur und haben das Unternehmen Elbwolle gegründet. Damit verwerten sie Schafwolle aus der Region, stärken kleinere Produzenten und verkürzen Distributionswege. Über ein Crowdfunding-Projekt bei Startnext konnten sie ihre erste Produktionsreihe finanzieren.

Digitale Infrastrukturen haben nicht immer nur Vorteile

Was bedeutet für Euch „Digitalisierung“?

Ute: Auch, wenn bei uns auch noch einiges analog läuft wie Kontakte pflegen, ist die Digitalisierung im Grunde zum Alltag geworden. Sie ist ein sehr mächtiges Werkzeug.

Marcel: Ich habe 1995 Vorträge darüber gehalten, wie das Internet die Gesellschaft verändert. Das war aber in einer Zeit, bevor das Internet so unseren Alltag durchdrungen hat, wie es heute der Fall ist. Damals wurde ich noch komisch angesehen, aber mittlerweile gehe ich zum Straßenverkehrsamt, will mein Auto zulassen und die sagen: „Das geht gerade nicht, wir haben keinen Internetzugang.“ Wir haben auf der einen Seite Chancen und auf der anderen Seite aber wahnsinnige Abhängigkeiten. Es wandert immer mehr in die Cloud, wir geben Infrastruktur aus der Hand, das sehe ich als alter Hase im IT-Bereich natürlich auch kritisch.

Wenn der smarte Kühlschrank den falschen Joghurt nachbestellt – wen interessiert das?

Findet Ihr in den Medien auch hilfreiche Informationen über die Digitalisierung?

Ute: Wenn ich konkret nach etwas recherchiere schon. Beispielsweise suchte ich neulich ein Tool für meine Buchhaltung, das alles einfacher und digitaler macht. Die Informationssuche läuft bei mir ohnehin eher nach konkretem Bedarf. Ich orientiere mich nicht mehr an einzelnen Medien, sondern suche im Browser nach den Informationen, die ich benötige. Andere Sachen, die ich zur Digitalisierung lese, bleiben eher eine Anekdote und haben nicht wirklich etwas mit mir zu tun. Wenn der Kühlschrank den falschen Joghurt nachbestellt – wen interessiert das? Das ist ja nicht wirklich ein Problem.

Wie ist denn hier im Wendland überhaupt so der Handyempfang?

Ute: Gemischt bis gar nicht. Bei uns im Haus geht gar nichts. Das ist ein Fachwerkhaus aus Lehm, das schirmt zu sehr ab. Nur an zwei Stellen an den Fenstern haben wir einigermaßen Empfang oder eben draußen.

Das Wendland ist in Sachen Digitalisierung auf keinen Fall abgehängt

Würdet Ihr sagen, dass das Wendland digital ist?

Ute: Es gibt hier relativ viele Leute, die wie wir für andere in den Städten arbeiten und die suchen sich ihre Lösungen. Deswegen gibt es hier auch den Coworking Space in Lüchow. Das Wendland ist in Sachen Digitalisierung auf keinen Fall abgehängt. Ich weiß auch von Einzelhändlern hier, die ihre Kundenkartei digitalisieren, Vorlieben oder Größen nachhalten, und ihre Kunden dann individuell anschreiben können.

Findet Ihr es gut, dass der Landkreis relativ digital ist?

Ute: Es ist eben ein Werkzeug und wenn man sich nur auf ein Werkzeug verlässt, ist man auch mal aufgeschmissen. Man muss auch anders können. Natürlich gehen manche Dinge nicht, wenn kein Internet da ist, aber dann kann man sich ja immer noch anders beschäftigen.

Foto von Ute und Marcel in ihrem Garten

Ute und Marcel in ihrem Garten / Bild: Nicole Dau, Oseon

Wir wollen unser Leben nicht vollständig von Digitalem abhängig machen

Marcel: Gerade deswegen machen wir in manchen Bereichen auch wieder den, ich nenne es mal, Rückschritt zum Analogen. Wir versuchen die alten Handwerkstechniken auszugraben, des Einmachens oder des Schlachtens. Wir wollen unser Leben nicht vollständig von Digitalem abhängig machen. 

Was fehlt dem Wendland noch?

Ute: Eine Universität. Momentan ist es so, dass wir hier sehr junge Leute haben, so bis 19 oder 20 und damit bis zu ihrem Schulabschluss. Dann kommt erstmal ein dickes Loch, indem sie alle studieren gehen oder Ausbildungen in den Städten machen und frühestens ab Mitte 30 kommen wieder Einige zurück. Eine Universität könnte das ändern.

Marcel: Mehr coole Kneipen. Das Wendland hat leider keine Kneipenkultur, da können wir noch nachlegen. Gerne mit Livemusik, ähnlich wie im angelsächsischen Raum.

Und im digitalen Bereich?

Ute: Bessere Websites für den Landkreis. Die bisherigen der offiziellen Behörden sind richtig schlimm.

Marcel: Alles was wir analog haben, kann man digital abbilden. Noch mehr digitale Vernetzung bringt nichts, wenn es nicht schon analog da ist. Wie die Plattform hier für gemeinschaftliches Wohnen auf Höfen gerade gegründet wird. Da ist die Digitalisierung praktisch, weil man an einem Ort alle wichtigen Informationen vereint hat.

Danke, Ute und Marcel!