Mit CovidPulse der Dunkelziffer an den Kragen - Paul Staiger im Gespräch

Die Desktop-App CovidPulse soll die Dunkelziffer von Covid-19-Infizierten erfassen und so Krankenhäusern und anderen Krisenstäben bei einer besseren Planung von Maßnahmen helfen. Ins Leben gerufen und weiterentwickelt hat das Pro-Bono-Projekt Paul Staiger mit seinen Arbeitskollegen bei etventure, einer Tochtergesellschaft von EY. Wir haben für unsere Porträtreihe Bessermacher*innen mit Paul gesprochen.

Paul Staiger, Projektmanager bei etventure

Ihr habt eine (Desktop)-App entwickelt, die die dunkelziffer corona-infizierter abbilden soll? Wie seid ihr darauf gekommen?

Mitte März kamen sehr viele Ski-Urlauber aus Risikogebieten zurück, von denen niemand genau wusste, ob sie sich tatsächlich mit Covid-19 infiziert hatten oder nicht. Viele wurden auch nicht getestet, sondern lediglich dazu aufgefordert, sich eigenständig in Quarantäne zu begeben. Offizielle Stellen hatten also keinen genauen Überblick darüber, wer infiziert war.

Den Gesundheitsämtern, den Behörden und selbst dem RKI ist unbekannt, wer ungetestet infiziert und eigenverantwortlich in Quarantäne ist. Das ist die sogenannte Dunkelziffer – und genau die wollen wir mit unserer Desktop-App erfassen. Sie gibt Krankenhäusern die Möglichkeit ihre Kapazitäten besser zu planen.

Paul Staiger

In dieser Zeit habe ich zufällig einem Gespräch beigewohnt, in dem diskutiert wurde, dass sich Krisenstäbe und Krankenhäuser besser auf einen drohenden Ansturm vorbereiten könnten, wenn sie wüssten, wie viele Personen tatsächlich in Quarantäne sind. Denn erste Studien zeigten, dass circa 15% der Infizierten in Quarantäne einen Krankheitsverlauf haben, der intensive medizinische (Krankenhaus-)Betreuung bedarf. Den Gesundheitsämtern, den Behörden und selbst dem RKI ist unbekannt, wer ungetestet infiziert und eigenverantwortlich in Quarantäne ist. Das ist die sogenannte Dunkelziffer – und genau die wollen wir mit unserer Desktop-App erfassen. Sie gibt Krankenhäusern die Möglichkeit ihre Kapazitäten besser zu planen.

Warum kann die Dunkelziffer nicht von den Gesundheitsämtern erfasst werden?

Die Ressourcen der Gesundheitsämter wurden mit dem Beginn der Pandemie stark herausgefordert. Die Mitarbeiter müssen nicht nur ständig Infizierte erfassen, sondern mit diesen auch im engen Kontakt bleiben, um Krankheitsverläufe besser beurteilen zu können. Das Gesundheitsamt meiner Heimat wurde beispielsweise dazu angehalten zwei Mal am Tag mit allen Infiziert-gemeldeten zu kommunizieren. Denn auch ein vermeintlich leichter Verlauf der Krankheit kann sich nach einigen Tagen in einen schwerwiegenden wandeln.

Dieser Austausch bindet jedoch enorme Ressourcen. Parallel eine Struktur aufzubauen, die auch noch Daten aus der Bevölkerung erhebt und verarbeitet ist also extrem herausfordernd. Für uns, als Mitarbeiter einer Digitalberatung, ist das Arbeiten mit Daten dagegen ein Alltagsgeschäft – deswegen wollten wir helfen!

Auf www.covid-pulse.de soll täglich der eigene Gesundheitszustand dokumentiert werden

Wie funktioniert CovidPulse?

CovidPulse ist eine Website-basierte Selbstauskunft zum Thema Corona-Virus. Nutzer begeben sich auf www.covid-pulse.de und füllen anonymisiert neun kurze Fragen über den eigenen Gesundheitszustand aus. Uns war wichtig, den Aufwand für Nutzer möglichst gering zu halten. So ist man nach nicht mal einer Minute fertig und hat seinen solidarischen Beitrag geleistet. Wir bitten um eine tägliche Teilnahme und verarbeiten die Daten pseudonymisiert. Wir können also keine Rückschlüsse auf die Personen treffen, die den Fragebogen ausfüllen. Es interessieren einzig die Muster und die Rückschlüsse, die sich aus den Daten erheben lassen.

Wie viele Nutzer haben bereits ihren Gesundheitszustand in CovidPulse dokumentiert?

Wir haben bereits über 10.000 Einträge gesammelt und sind nun dabei, mit Gesundheitsämtern und Landkreisen zusammenzuarbeiten, um die Anwendung weiter zu verbreiten. Hier stoßen wir auf großes Interesse und Engagement bei den entsprechenden Stellen.

Wem stellt ihr die Daten zur Verfügung? Wie bereitet ihr die Daten auf?

Derzeit arbeiten wir an einem Dashboard, welches auf Grundlage der erhobenen Daten Informationen so aufbereitet, dass ohne größeren Aufwand konkrete Handlungen aus den Daten abgeleitet werden können. Diese Informationen sind für alle Institutionen wichtig, die zur Bekämpfung der Pandemie täglich Entscheidungen treffen müssen. Dazu gehören: Krankenhäuser, Krisenstäbe und andere relevante Stellen wie Landkreise, Ämter und Ministerien.

Aus den Daten lassen sich eine Vielzahl von Informationen und Handlungsempfehlungen ableiten, zum Beispiel mit welcher Auslastung Krankenhäuser planen müssen oder wie erfolgreich Restriktionen sind oder wie lange es dauert, bis eine Lockerung von Restriktionen erste Ergebnisse erzielt. Da unsere Anwendung sozusagen live den Zustand der Bevölkerung erfasst, wird sofort deutlich, ob eine Lockerung eventuell zu ausgiebig umgesetzt wurde, sodass man entsprechend schnell wieder Gegenmaßnahmen treffen kann.

Welche Erfolge konntet ihr bereits erzielen?

In der erfolgreichen Bekämpfung der Pandemie sind Daten ein wichtiges Werkzeug. Wir sind die erste App in Deutschland gewesen, die Daten aus der Bevölkerung erhoben hat und auch beweisen konnte, dass diese als valide Datengrundlage einen Mehrwert bieten. In diesem Zusammenhang konnten wir zeigen, dass sehr wichtige Informationen aus nur neun Fragen abgeleitet werden können – auch wenn sie anonym sind.

Paul Staiger

Mittlerweile gibt es einige Initiativen, die Daten erheben und auswerten. Diese fokussieren sich allerdings eher darauf, Infektionsketten nachzuvollziehen. Das ist sicherlich sehr wichtig. Wir glauben aber, dass das ganze Bild nur sichtbar wird, wenn man auch die Selbstauskunft aus der Bevölkerung hinzufügt. Wir wollen also die bestehende Informationsvielfalt ergänzen. Wie wichtig das ist, zeigt auch die positive Resonanz von und unsere Zusammenarbeit mit Krankenhäusern und Landkreisen.

Wir konnten zudem auch starke Erfolge als Team erleben. Wir entwickelten die Idee an einem Donnerstag. Von dort brauchte es nur drei Stunden bis wir die erste Version der App entwickelt hatten. Am gleichen Wochenende hat das Management von EY die Entscheidung getroffen, das Projekt pro bono umzusetzen. Am Ende des Wochenendes gingen wir bereits live und generierten innerhalb von 24 Stunden 5.000 Einträge. Wenige Tage später programmierten wir die App nochmals neu und starteten deutschlandweit. Seitdem arbeiten wir auch mit Krankenhäusern und Landkreisen zusammen.

Insbesondere Deutschland zeigt sich in der Corona-Krise in Bezug auf die Erhebung und Verwendung von Daten gehemmt. Was denkst du dazu und wie geht ihr mit dem Thema Datenschutz um?

Datenschutz hat bei uns oberste Priorität. Als eine Initiative, die versucht Daten zu erheben, ist es sehr schwer, den strengen Datenschutzrichtlinien und dem großen Datenbewusstsein der Bevölkerung gerecht zu werden. Persönlich kann ich die Skepsis der Menschen allerdings nachvollziehen – zumal ich selbst einige Zweifel gegenüber der Datenschutzkompetenz deutscher Institutionen habe. Dennoch finde ich, gibt die Pandemie den Anstoß, um über die Strenge des Datenschutzes zu diskutieren, weil sie eben viele Digitalinitiativen im Keim erstickt.

Ich persönlich denke daher, wenn es eine Möglichkeit gibt, anonym und ohne Eingriffe in meine privaten Daten wie Bewegungs – oder Kontaktdaten die notwendige Information zu generieren, um erfolgreich die Covid-19-Pandemie zu bewältigen, dann sollte man das auch tun.

Paul Staiger
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