Generationenmythos: Warum wir in Schubladen denken
Ist die Gen Z besonders ethisch eingestellt? Arbeiten Babyboomer härter als andere Generationen? Sind Millennials ewig unsicher? Die Vorstellung, dass die Zugehörigkeit zu einer Generation die persönliche Einstellung zu Leben, Beziehungen und Arbeit bestimmt, hält sich hartnäckig – trotz zahlreicher gegenteiliger Hinweise aus der Forschung. Doch warum ist das so? Helfen uns diese Kategorien als Gesellschaft weiter?
Das Konzept der Generationen, so wie wir es heute verstehen, ist gerade einmal rund hundert Jahre alt. Entwickelt hat es der Soziologe Karl Mannheim. Nach heutiger Definition umfasst eine Generation eine Zeitspanne von 15 Jahren, die durch ein gesellschaftliches Ereignis oder einen technologischen Sprung geprägt ist und sich deshalb von den vorherigen Generationen unterscheidet. Diese Kategorisierung ist in Wissenschaft und Wirtschaft üblich und längst Teil der gesellschaftlichen Debatte. Wir nutzen die Begriffe tagtäglich, und diskutieren darüber in sozialen Medien, in Meetings und am Küchentisch. Am liebsten im Hinblick auf mutmaßliche Generationsunterschiede am Arbeitsplatz.Besonders häufig passiert das dann, wenn unterschiedliche Vorstellungen zu Work-Life-Balance, Motivation und Performance aufeinandertreffen.
Zwischen Vorurteil und Wirklichkeit: Was Generationen voneinander trennt
Der Sozialpsychologe Martin Schröder forscht an der Universität des Saarlandes zum Thema Generationen und hat empirisch nachgewiesen: Es gibt in der Arbeitswelt gar keine. Er beruft sich dabei auf Metastudien, also auf die Auswertung und Zusammenfassung einer Vielzahl von Studien. Und die haben keine signifikanten Effekte der Generationszugehörigkeit auf die eigene Einstellung zur Arbeit gefunden. Die Forschung zu Generationenunterschieden zeigt vielmehr, dass individuelle Faktoren entscheidender sind. Auch der Arbeitspsychologe Hannes Zacher von der Universität Leipzig stellt fest: „Es gibt keine wissenschaftlichen Beweise dafür, dass Unterschiede zwischen Generationen in Bezug auf Werte, Einstellungen und Verhalten existieren.“ Es handele sich hier nur um Vorurteile, die Ausgrenzung und Diskriminierung förderten. Und bei genauerem Hinsehen zeigt sich: Viele Inhalte, die sich mit den Unterschieden zwischen Generationen befassen, beruhen auf anekdotischer Evidenz – also Einzelfällen als angeblichem Beleg.
Generationeneffekte zeigen sich in Umfragen zur Arbeitseinstellung also kaum. Was wir stattdessen beobachten, sind Alters- und Periodeneffekte, also ein kontinuierlicher Wertewandel. Das gilt sowohl für Personen als Individuum als auch die Gesellschaft als Ganzes. Heißt: Wir sind mit 50 Jahren eine andere Personen als wir es mit 20 waren. Und ein gesellschaftlicher Konsens, etwa aus den 1970er Jahren, stößt heute mitunter auf die vehemente Ablehnung ganzer Bevölkerungsgruppen. Das führt dazu, dass die Einstellungsunterschiede innerhalb einer Generation größer sind als die zwischen zwei unterschiedlichen Generationen. Zacher erklärt: „Es ist generell nicht möglich, von bestimmten Gruppenmerkmalen auf die Werte, Einstellungen und das Verhalten von Einzelpersonen zu schließen“. Vorstellungen wie Führung verschiedener Generationen oder eine gezielte Kommunikation im Generationenmix greifen deshalb zu kurz.
Warum haben wir so einen Drang danach, Menschen in Generationsschubladen zu stecken? Laut Schröder liegt das an dem menschlichen Bedürfnis, sich mit anderen zu vergleichen: „Unser Gehirn liebt es, Menschen in Gruppen einzuteilen, weil dies uns erlaubt, unsere eigene soziale Gruppe als besser als andere zu sehen, was uns ein befriedigendes Gefühl gibt.“ Wenn man eine jüngere Generation als faul, oder eine ältere Generation als rückständig bezeichnen kann, fühlt man sich einer vulnerablen Welt immer noch besser gewappnet als die anderen. Für Unternehmen kann diese Logik problematisch sein, weil sie Altersstereotype in Unternehmen reproduziert und dadurch neue Konflikte erzeugt.
Wenn Kommunikation Altersstereotypen verfestigt: : Generationenvielfalt und Unternehmenskultur im Wandel
Dass das Konzept „Generation“ kommunikativ trotzdem funktioniert, darauf weisen viele erfolgreiche PR-Kampagnen, wie etwa die Shell-Jugendstudie. Das Format wurde bereits zum 19. Mal durchgeführt und in fast jedem großen deutschen Medium aufgegriffen, von der Süddeutschen Zeitung über die Tagesschau bis hin zur Bundeszentrale für politische Bildung. Auf den ersten Blick wirkt es, als helfe die Studie zu verstehen, was die aktuelle junge Generation ausmacht. Auf den zweiten Blick – und nach Lektüre der Fachliteratur – fragt man sich allerdings immer noch, ob die befragte Gen Z überhaupt anders denkt, fühlt und handelt als frühere Jugendgenerationen und der Rest der Bevölkerung. Wirklich aussagekräftig wäre nur ein direkter Vergleich mit anderen Generationen, als diese sich im selben Alter befanden, und anhand standardisierter Fragen.
Auch für die Beratungsbranche scheint sich das Konzept der Generation zu lohnen. Davon ist zumindest Sozialpsychologe Bobby Duffy vom Kings College in London überzeugt. Er glaubt: Wer immer wieder von den eklatanten Unterschieden zwischen Generationen hört, hat Angst, profitable Kundensegmente durch fehlendes Verständnis zu verprellen. Folglich werden die besorgten Unternehmen viel Geld dafür ausgeben, um diese Generationen erfolgreich anzusprechen.
Doch wenn das Konzept der Generationen uns eher gegeneinander aufstachelt, weil wir uns kategorisiert und missverstanden fühlen, dann müssen wir es dringend überdenken. Das könnte bedeuten, Menschen wieder vermehrt als Individuen zu begreifen, und sie in ihrem bevorzugten Kontext zu erreichen. Dieses Prinzip nutzt zum Beispiel das kontextuelle Targeting, welches vermehrt in Werbe- und Marketing-Technologien Einsatz findet. Darüber hinaus können wir sicher besser voneinander lernen, wenn wir uns über unsere Gemeinsamkeiten definieren statt über unsere Unterschiede. Das bedeutet auch, Altersdiskriminierung am Arbeitsplatz zu vermeiden und Diversität umfassender zu verstehen. Denn zahlreiche Studien haben nachgewiesen, dass diverse Teams erfolgreicher arbeiten. Und wer das nächste Mal das Bedürfnis hat, Menschen aufgrund ihres Geburtsjahres in eine Schublade zu stecken, dem sei gesagt: Fragen und Zuhören sind üblicherweise die bessere Idee.
Schluss mit Gen Z, Boomern & Millennials – Kommunikation die Generationen verbindet
Generationenmythen halten sich hartnäckig, auch in der Kommunikation. Doch Schubladendenken schafft selten Verbindung. Wer Menschen erreichen will, muss zuhören, nicht kategorisieren. Bei Oseon entwickeln wir daher Kommunikationsstrategien, die auf Verständnis statt Vorurteile setzen. Wir helfen Marken, Haltung zu zeigen – über Altersgrenzen hinaus und mitten in den gesellschaftlichen Wandel hinein.
Bildquelle: Hannah Busing auf Unsplash