PR-Berater, Marketingverantwortliche, Unternehmenssprecher – sie alle kennen das Problem: Für die Presse ist alles vorbereitet, die Texte stehen. Das einzige, was fehlt, ist ein gutes Portraitfoto des Sprechers oder Zitatgebers. Natürlich ist die erste Wahl immer der Gang zu einem professionellen Fotografen. Drängt die Zeit jedoch oder ist das Budget stramm, können Sie selbst zur Kamera greifen. Wir geben Tipps, worauf man bei der pressetauglichen Portraitfotografie achten sollte.

1. Der Bildaufbau – Drittelregel und Fokus

 Bei einem klassischen Portrait sollte die Person mit ganzem Kopf bis etwa zur Mitte des Bauches scharf zu sehen sein, also auf der Schärfenebene liegen. „Am besten fokussiert man auf die Augen, diese sollten auf jeden Fall scharf zu sehen sein und idealerweise im oberen Drittel des Bildes liegen“, sagt Kasper Fuglsang, Hamburger Fotograf. Natürlich sind auch Ganzkörperportraits möglich, die bei ausreichender Auflösung auf den Oberkörper oder das Gesicht reduziert werden können.

Die „Drittelregel“ gilt nicht nur für die Augen eines Portraits. Generell wirkt ein Bild harmonischer und interessanter, wenn man diese Faustregel beachtet. Dabei wird das Foto gedanklich in neun gleich große Teile unterteilt. Das Hauptmotiv, also die abgebildete Person, wird dann an einem der vier Schnittpunkte in der Mitte positioniert oder längs einer Linie, wie ein Horizont

2. Linien im Bild – Tiefe und Spannung

Linien in einem Bild können durch einen Fluchtpunkt Tiefe erzeugen und damit mehr erzeugen und damit mehr Spannung in das zweidimensionale Bild bringen. Absteigende Diagonalen (von links oben nach rechts unten) wirken ruhiger und leiten den Betrachter oft zu schnell aus dem Bild heraus. Aufsteigende Diagonalen (von links unten nach rechts oben) hingegen halten den Blick länger im Bild und wirken anregender.

Eine Ecke auf dem Foto symbolisiert eine ausweglose Situation, in die Ecke gedrängt zu werden und ist damit eher unglücklich für ein positives Portraitfoto. Eine waagrechte Linie in der Bildmitte sollte man vermeiden, da sie das Bild in zwei schneidet. Mehrere Waagrechten hingegen können räumliche Tiefe oder eine Struktur schaffen, während eine senkrechte Linie Stabilität vermittelt. Spitze Winkel können aggressiv wirken, stumpfe Winkel hingegen entspannend und beruhigend.

Zusätzlich sollte man darauf achten, dass dem Modell nichts „aus dem Kopf wächst“. Das kann ein Ast hinter dem Menschen sein, die Querstrebe einer Fensterbank oder vielleicht ein Baugerüst.

fluchtpunkt_ryan-mcguire
Linien mit einem zentralen Fluchtpunkt erzeugen Tiefe / Bild: Fluchtpunkt – Ryan McGuire

3. Hintergrund: Das Gesamtbild muss stimmen

 Wenig sinnvoll ist es, wenn der Chef eines Fintech-Unternehmens mit einer Kameraausrüstung im Hintergrund abgelichtet wird. Zu einem Fotografen oder Anbieter von Foto-Equipment passt das hingegen sehr gut. Das „natürliche Habitat“ des zu Portraitierenden spielt also eine wichtige Rolle. Mit einem neutralen Hintergrund ohne unästhetische Gestaltungselemente wie Heizkörper, unaufgeräumte Schreibtische, hässliche Bürowände, unansehnliche Bürotechnik, Wasserflaschen oder anderen Nippes fährt man im Zweifel am besten. Einfarbige, neutrale Hintergründe haben auch den Vorteil, dass das Portrait anschließend besser freigestellt werden kann.

Als Grundregel gilt: Alles, was auf dem Bild zu sehen ist, soll auch bewusst zu sehen sein

4. Die richtige Belichtung ist das A und O

„Licht sehen und verstehen“, proklamiert Fuglsang als eine Art Mantra. Die richtige Ausleuchtung ist ein sehr wichtiges Element der Fotografie – egal ob mit künstlichem oder natürlichem Licht, oder einer Kombination aus beidem. Je nachdem für welches Licht wir uns entscheiden, geben wir dem Menschen auf dem Portrait schnell einen gewollten oder auch ungewollten Charakter mit.

Das Rembrandt-Licht: Wird heute noch für klassische Portraitaufnahmen verwendet. Die eine Seite des Gesichts ist ausgeleuchtet und die andere liegt nahezu vollständig im Schatten bis auf ein kleines Dreieck unter dem Auge – dem Rembrandt-Dreieck. Dieses Licht ist insbesondere für Männer gut geeignet, da durch den Schattenwurf im Gesicht eine gewisse Härte erzeugt wird, die von Frauen nicht immer gewünscht ist.

rembrandt-licht
Modell Saskia mit Rembrandt-Licht fotografiert – eine immer noch klassische Portrait-Beleuchtung / Bild: Nicole Dau

Das Mephisto-Licht: Wird so bezeichnet, da es von unten auf den Menschen strahlt und dadurch an den Brauen quasi kleine Teufelshörner entstehen. Diese Lichtgebung erzeugt beim Betrachter eher ein kleines Gefühl des Grauens und ist daher in den meisten Fällen für ein Business-Portrait nicht zwingend geeignet.

Loop: Der Name stammt von dem Nasenschatten, der die Form einer Schleife hat. Das Licht kommt von oben und leicht seitlich und wird in dieser Form oft für Standardportraits verwendet.

 Beauty: Das direkt auf das Gesicht einfallende Licht schafft eine beinahe schattenfreie Ausleuchtung, die Augenringe, Hautunreinheiten und Falten verschwinden lässt. Dadurch kann das Gesicht allerdings auch sehr flach wirken und es bedarf einer guten Maske, um Kontraste zu erzeugen.

 Butterfly: Das Licht hat seinen Namen durch den schmetterlingsförmigen Schatten unter der Nase. Bei dieser Belichtung dreht die Person das Gesicht direkt Richtung Lichtquelle und erhält dadurch einen glamourösen Effekt.

Natürlich gibt es noch weitere Varianten. Es ist aber vor allem wichtig, die verschiedenen Belichtungen zu testen und den Effekt des Gesichts auf den Betrachter zu evaluieren. Oftmals lassen sich auch mehrere Lichter verbinden, beispielsweise ein Seitenlicht mit einem Kopflicht (von oben) für mehr Kontrast zum Hintergrund – und um das Portrait dadurch leichter freistellen zu können.
mephisto_licht
Modell Saskia mit Mephisto-Licht – für Business-Portraits eher ungeeignet / Bild: Nicole Dau

5. Belichtung – Technik und Lösungen

Besonders, wenn keine professionelle Kameraausrüstung greifbar ist, bietet es sich an mit natürlichem Tageslicht zu fotografieren. Die Farbtöne sind natürlicher und es findet automatisch eine gute Ausleuchtung statt. Fenster befinden sich als ideale Hauptlichtquelle hinter oder schräg hinter dem Fotografen. Bei der Positionierung des Modells neben einem Fenster sollte das Hauptlicht eher vom Raum aus kommen. Ein Deckenlicht können Hobby-Fotografen wunderbar zur allgemeinen Aufhellung verwenden. Kleinere Lampen wie Schreibtischlampen können als Spot genutzt werden und weiße Wände fungieren als Reflektoren, um das Modell auf natürliche Weise besser auszuleuchten. Es bietet sich allerdings auch an, in einen faltbaren Reflektor zu investieren. Diese sind nicht teuer und lassen sich leicht überall hin mitnehmen. Zudem sind sie für Outdoor-Shootings ein guter Begleiter.

6. Das Format – RAW oder JPEG?

Eine Spiegelreflexkamera bietet verschiedene Speicher-Optionen an: Als JPEG, RAW oder beides. Was also verwenden? Wem es nicht stark an Speicherplatz mangelt, gern die Option „beides“ wählen. JPEG ist ein komprimiertes Bildformat, das fertig konvertiert mit einer definierten Größe auf der Speicherkarte gelagert wird. Für viele Aufnahmen kann das zunächst ausreichend sein und für eine schnelle Ansicht auch durchaus praktisch. Allerdings wird es schwieriger, wenn wir ein Bild doch einmal stärker nachbearbeiten oder vergrößern möchten. RAW, das Rohdatenformat, wird unverändert auf das Speichermedium geschrieben. Durch Bildbearbeitungsprogramme wie Photoshop können im Nachgang so wesentlich mehr Parameter wie Belichtung, Farb- und Schärfeeinstellungen feingranular bearbeitet werden und die Bildqualität ist besser.

Weitere Tipps zur optimalen Körperhaltung, der richtigen Kleidung und den verschiedenen Motiven gibt es im Blogpost: Die Portraitfotografie – 6 Tipps für das perfekte Pressefoto